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Dereinst, vor gar nicht allzu langer Zeit, erörterte ich für mich mehr schlecht als recht die bohrende Frage, wer ich eigentlich wirklich bin. Aus rein pseudopsychologischer Sicht. In den folgenden Zeilen indes sollen zusammenhanglose Gedanken ob meiner Physiologie folgen. Denn es stellte sich mir die berechtigte Frage: Was bin ich wirklich? These: eine Maschine. Gefangen in einem Körper, welcher als auszuführendes Werkzeug meines Bewusstseins fungiert.

Aber von Anfang an: Menschen – und auch alle anderen Geschöpfe unseres Blauen Planeten – sind mitnichten die vorherrschenden Lebewesen. Nein, es sind meines Erachtens die ursprünglichen Lebensformen, denen bis zum heutigen Tage die wahre Regentschaft ob unseres Planeten obliegt: Einzeller. Myriaden von Einzeller. Lebewesen, die aus nur einer Zelle bestehen. Sie entstammen der „Ursuppe“, Schwarzen und Weiße Rauchern, hydrothermalen Quellen am Grunde der Ozeane – und hatten von Beginn an mit den unwirtlichen Umgebungsvariablen des jungen Planeten Erde zu kämpfen. Toxische Gegebenheiten, tektonische Großereignisse, Vulkanismus, Meteoriteneinschläge und eine Witterung from Hell. Und obgleich Einzeller per se über kein eigenes Bewusstsein verfügen, besitzen sie alle Merkmale des definierten Lebens: Replikation, Stoff- und Energiewechsel, Reaktion auf Reize, Möglichkeiten zur Fortbewegung, Strukturiertheit und Wachstum sowie Entwicklung. Jedoch: Alleine überlebt sich’s schwer. Dies erkannten auch die Einzeller – woraufhin sie eines Tages begannen, sich in mehrzelligen Gebilden zu organisieren, was weitaus höhere Überlebenschancen darbot.

Gesagt, getan – Einzeller rotteten sich zu symbiotischen Organismen zusammen, welche als Gesamtes Kenntnisse über sich selbst erhielten – das „Ich“ ward geboren. Einzig und alleine aus der Absicht heraus, dass dieses Ich höchst formidabel auf sich selbst achtzugeben vermochte – und damit im Umkehrschluss den Einzeller Schutz gewährleistete. Ich Mensch und alle mich umgebenden Lebewesens sind also das Produkt des unbändigen Überlebenswillens von Einzeller. Ich bin eine für deren Bewahrung und Instandhaltung erschaffene, biochemische Maschine, bestehend aus Einzeller, die zwar größtenteils ihre Fähigkeit verloren, für sich alleine überleben zu können; sich stattdessen auf eine symbiotische Arbeitsteilung in meinem Gewebe spezialisierten – um fortan als Bestandteil von etwas Größeren weiterzuleben. Ich bestehe aus einem Zusammenschluss von rund 100 Billionen (100.000.000.000.000) Kleinstlebewesen, die allesamt einzeln und unabhängig zu handeln vermögen. Diese mir innewohnenden Einzeller sind die wahre gebietende Spezies.

Ich denke, also bin ich? Pustekuchen – ich bin nicht einmal mein eigener Körper. Nein, mein Leib dient mir lediglich als Werkzeug, um mit der Umwelt interagieren und diese manipulieren zu können. Ein Werkzeug, das ich bewusst pflegen oder vernachlässigen kann, dessen Gesundheit wahrhaftig meinen Handlungen ausgesetzt ist – ein ungeübtes Gehirn ist schließlich schädlicher für die Gesundheit als ein ungeübter Körper; ich darf es allerdings keinesfalls aktiv steuern. So werden beispielsweise all meine Bewegungen – gehen, tippen, masturbieren – und meine Mechaniken – Atmung, Herzschlag, organische Tätigkeiten – von meinem Unterbewusstsein gesteuert, auf das ich im Regelfall keinen Zugriff verfüge. Ich darf entscheiden: Körper, masturbiere!; die dafür notwendigen Prozesse indes laufen abseits meiner bewussten Wahrnehmung ab. Ich selbst besitze ergo keine vollkommene Kontrolle über meinen eigenen Körper. Ich bin ausschließlich ein Teil von 86.000.000.000 (86 Milliarden) Neuronen, die über 100.000.000.000.000 (100 Billionen) Synapsen miteinander verbunden sind; bin elektrische Signale in meinen grauen Zellen. Das ist das Grundsätzliche, was mein und unser aller Wesen ausmacht. Und nicht einmal über meine eigene Schaltzentrale vermag ich zu walten: Die meisten Vorgänge im Organismus geschehen, wie bereits angemerkt, vollends autonom. Abseits meiner aktiven Einflussnahme. Mein Unterbewusstsein steuert meine Chemie, motorische Vorgänge, ja den gesamten Kernel meiner Körpermaschine. Und das Ich ist ein just auf diesem System laufendes Programm; eine Anwendung, mit der wir denken, dass wir denken.

Ein Programm, welches mittels ausgeprägter Schnittstellen mit meinem Kernel kommunizieren darf – und ihm auf Verderb und Gedeih ausgesetzt ist. So nehme ich meine Umwelt nach klar einprogrammierten Mustern wahr – ohne selbst indes der Tatsache sicher sein zu dürfen, dass diese mir vorgegaukelte Wahrnehmung der Realität der tatsächlichen Realität entspricht. Milchmädchenbeispiel: Rot ist für mich rot. Für dich, werter Leser, andererseits womöglich das, was du selbst als Blau bezeichnetest. Und für andere wiederum grau. Ich werde freilich nie erfahren, ob wir tatsächlich denselben Farbton wahrnehmen, da ich zeit meines Lebens dein Blau als mein Rot empfand – respektive genau diese Information über besagte Schnittstellen von meiner visuellen Informationsverarbeitung erhalte. Mein Bewusstsein erhält eine Wahrnehmung der Realität, deren Korrektheit ich selbst niemals zu überprüfen vermag; dem Ichprogramm fehlen hierfür die nötigen Zugriffsrechte. Denken und Sein werden vom Widerspruch bestimmt.

Oder ziehen wir das Spüren als weiteres Exempel heran: Hitze, Kälte, Schmerz, Jucken – all diese Empfindungen finden mitnichten auf unserer Hautoberfläche statt; unsere eigentliche Körpermaschine ist technisch nicht in der Lage, zu spüren. Stattdessen ermitteln über den gesamten Körper verteilte Rezeptoren Wahrnehmungen, wandeln diese in elektrische Signale um und leiten jene per Nervenbahnen in unseren Kernel – dem Unterbewusstsein. Dort rufen sie die Ausführung verschiedenster Unterprogramme auf, die in letzter Instanz Empfindungen an den ursprünglich stimulierten Regionen simulieren. Werde ich also gekniffen, findet diese Erfahrung ausschließlich im für mich nicht zugänglichen Teil meines Gehirns statt. Nun ist allerdings nicht sichergestellt, dass die für Empfindungen ausgeführten Programme fehlerfrei und mustergültig funktionieren – was bedeutet, dass sich ein Kneifen für mich womöglich gar nicht wie ein reelles Kneifen anfühlt, sondern ausschließlich so, wie es mir mein Gehirn vermittelt.

Dass meine Wahrnehmungen verfälscht sind, vermag beispielsweise Menthol zu demonstrieren: Auf die Haut aufgetragen, vermittelt es an Kälterezeptoren einen kühlenden, erfrischenden Effekt – obgleich meine Körpertemperatur in keinster Weise beeinflusst wird. Mein Kernel informiert mein Ich nichtsdestoweniger: Da, kalt! Und mein Ich antwortet: Okay, brrr. Diese Erkenntnis hat weitreichende Konsequenzen: Kann ich mir sicher sein, dass sich eine glatte Oberfläche tatsächlich glatt anfühlt (und diese wirklich glatt aussieht) – oder entstammt diese Wahrnehmung alleinig der Interpretation meines Unterbewusstseins? Nein, kann ich nicht.

Dasselbe gilt für Gefühle: Glück, Freude, Wut, Trauer, Zufriedenheit; all diese Gefühle entstammen Anwendungen meines Unterbewusstseins, die gezielt elektrische und chemische Stimulationen auslösen – und in den meisten Fällen wie schnieke Drogen auf mich einwirken. Wovon ich aufgrund der positiven Reize recht schnell abhängig wurde; ich strebe seit Geburt nach immer mehr Glück, Freude und Zufriedenheit. Was sich, gedanklich fortgeführt, im Endeffekt hervorragend auf den Zustand meines Körpers und damit das Überleben der mir enthaltenen Zellen auswirkt. Selbst der Vorgang, der mir als Liebe bekannt ist, mit all seiner Komplexität, seinen chemischen Abläufen und seinen Sinnenstäuschungen (rosa Brille) und oftmaligen Konsequenzen (Sex, Begattung), dient im Grunde auch nur exklusiv dem Fortbestand der Einzeller per se – denn Fortpflanzung geht unweigerlich mit Zellteilung und Zellwachstum einher.

Die Einzeller, aus denen ich bestehe, vermitteln mir ein Gefühl vom Ich. Eine Imitation, die ausgesprochen hervorragend glückt – bei genauerer Inspektion jedoch die Erkenntnis reifen lässt, dass ich selbst vollständig Gast im eigenen Leibe bin – und nur wenig Kontrollmöglichkeiten, geschweige denn Optionen zur Validierung meiner Wahrnehmung besitze. Mehr noch – ein Drittel meines gesamten Lebens gebe ich die Kontrolle über meine Körpermaschine gar vollkommen aus meinen sprichwörtlichen Händen: beim Schlaf.

Der Unterhalt einer solch komplexen Maschine wie meines eigenen Körpers fordert seinen Tribut: Wartung, Regeneration und Sicherheitsupdates. Wenn wir schlafen, verfallen wir in eine Art der Bewusstlosigkeit; das Programm „Ich“ wird selber auf Minimalbetrieb heruntergefahren – und von Unterprogrammen des Unterbewusstseins zerpflückt. Nach aktuellem Kenntnisstand werden während des Schlafens zum einen psychische Wunden gekittet und aus traumatischen Erfahrungen erbaute Firewalls gefestigt, zum anderen angefallene Daten verarbeitet, sortiert, kombiniert – und mitunter bei mangelhaftem Paukprozess auch dauerhaft verworfen. Was ich dann als „Vergessen“ wahrnehme; mein Unterbewusstsein entscheidet über mich hinweg, welche Informationen für mein Ich Relevanz besitzen – und welche nicht. Ich selbst kann nur rudimentär Einfluss darauf nehmen; wiederholt aufgerufene Informationen werden im Gehirn engmaschiger vernetzt und besitzen dadurch eine höhere Gewichtung, als beiläufig Aufgeschnappte – weswegen wir aktiv lernen müssen, um uns längerfristiges Wissen anzueignen. Die letzte Entscheidungsgewalt zur Datenverarbeitung meines Ichs stellt aber mein Unterbewusstsein dar; sie liegt außerhalb meiner, ja unser aller Einflussnahme; selbst perfide Einstudiertes kann vergessen werden. Und was ich vergesse, respektive, was mir vergessen wird, habe ich im Grunde nicht erlebt. DAS ist bei näherer Betrachtung tatsächlich gruselig.

Wir Menschen sind Bewusstseine. Ich bin ein Bewusstsein. Gefangen in einer hochkomplexen Maschine. Erschaffen, um mit meinem Dasein dem eingangs beschriebenen Überleben der Zellen, aus denen ich geformt wurde, zu dienen. Um ihnen Zuflucht und Schutz darbieten zu können. Ich bin ein Resultat reinen Eigennutz, bedingt handlungsfähig, den Rückmeldungen und Mechanismen zu Kontrolle und Verwaltung meiner Körpermaschine ausgesetzt. Und werde dies so lange sein, bis wir Menschen uns eines Tages womöglich vom organischen Körper befreien und unsere Bewusstseine auf andere Trägermedien transferieren dürfen. Erst dann beginnt die eigentliche Ära der Menschheit.

Was bin ich wirklich? Ich bin eine Maschine.

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