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Donnerstagmorgen, es ist kurz vor Mittag. Nach einer unangenehm schwülen und wahnwitzig miesen Nacht wache ich schweißgebadet in meinem zerknüllten Bettlaken auf. Ein innerer, schmiedeeiserner Hammer schmettert in meinem Kopf auf eine 10-Meter-Kirchturmglocke, die Augen brennen – jeder Lichtstrahl verwandelt sich in höllische Schmerzen. Knorpelknacken, zerstrubbelte Haare, Planlosigkeit, Übelkeit. O Graus, welch ein Traum-Trauma. Nicht genug, dass mir die Deutsche Bahn Tag für Tag kostbare Nerven raubt, nein, jetzt versucht sie Selbiges mit meinem mir extrem wertvollen Schlaf. Ein Horrorszenario. Ein apokalyptischer Albtraum. IDB. Die Internationale Deutsche Bahn! Ja, heute Nacht stand die Welt Kopf und ich im Jahre 2110 nach Christus an einem unbeschrankten Bahnübergang in der gleißenden Sonne bei gefühlten 55 Grad Celsius. Ich, ein holder Wanderer. Mein Ziel ist meilenweit entfernt, und zwar dort, hinter dem flimmernden, ausgedörrten Horizont. Trostlosigkeit und Einöde, soweit das Auge reicht. Außer dem einschläfernden Hauchen des austrocknenden Windes schlüpft kein anderes Geräusch in meine gespitzten Ohren. Der Himmel ist tiefblau und frei von Wolken. Ein typischer Westernbusch rollt vom Winde verweht an mir vorbei, er bietet die einzige Abwechslung in dieser zum Stillstand gekommenen Gegend. Hätte ich Popkorn und Cola parat; ich sähe dem Busch wie gebannt zu. Doch ich darf nicht aufgeben, muss weiterhin den horrend-heißen, verrosteten Bahngleisen folgen. Schnurgerade, immer der Nase lang. Ich muss den nächsten Bahnhof erreichen. Ich muss! Ach, wäre ich nur nicht losgelaufen. Eine Misere.

Dabei lief am Anfang des Tages alles so gut, ich hatte pünktlich meinen 1. Klasse-Beam am Münchner Hauptbahnhof erreicht, stieg in die Kabine ein und wartete auf das kribblig-heiße Gefühl, wenn der eigene Körper binnen Nanosekunden mittels ungeheurer Energien in seine Informationsteilchen zerlegt und an anderer Stelle wieder zusammengestellt wird. Doch dann der Schreck: Verbeamt. Da lief wohl etwas in der Software schief, eine klitzekleine Gleitkommazahl verrutschte um eine Stelle und brachte den gesamten Beamplan der Bahn durcheinander. Scheiß Informatiker, selbst in 100 Jahren kriegt es dieses verplante Volk nicht auf die Reihe, fehlerfreie Software herzustellen. Super! So landete ich also unerwartet meilenweit außerhalb Ouagadougou, der Hauptstadt des im Jahre 2110 komplett industrialisierten, reichen Burkina Faso. Das allgegenwärtige Internet teilte mir mit, dass der nächste planmäßige Anschlussbeam in Richtung Osnabrück in dreieinhalb Stunden vom Ouadagougouischen Hauptbahnhof abginge. Bis dahin verkehrten allerdings keine Antigrav-Busse, geschweige denn auf Schienen fahrende Züge – diese kontraproduktive Technologie wurde in Burkina Faso bereits vor 39 Jahren in das Museum verbannt. Nur die vor sich hinrostenden Gleise aus dem bronzenen Zeitalter der Hochgeschwindigkeitszüge existieren noch – gut so, denn diese führen mich auf dem schnellsten Wege zu meinem Ziel. Dachte ich. Von wegen, hahahaha! Und nun stehe ich hier, mitten in der Pampa, ausgedörrt und mit schwindendem Elan. Und überall Sonne. Kein Wasser. Durst, stechender Durst. Hitze. Gleise. Sand, Sand, Sand, rollende Wüstenbüsche …

Ja, das war wieder einer meiner vielen Träume. Träume wie der von der Markentonne. Weißt du, es gibt dort draußen unzählige Penner. Verzeihung, ich meine natürlich Obdachlose. Aber Penner passen in diesen Traum bessern hinein. Also, es gibt diesen klassischen Penner, der auf seinem Pappkarton an einer Hauswand angelehnt im Schatten einer Fußgängerzone sitzt und mit traurig hereinblickenden Augen auf seinen vor ihm aufgebahrten Spendenhut guckt. Diese Penner sind langweilig, trifft man diese doch alle paar Meter an. Nein, die, von denen meine Träume handeln, sind Penner der Oberklasse. Edel-Penner. Penner, die niemals im Traum – außer in meinen – auf die Idee kämen, ihren sauer verdienten Hut auf den schmutzigen Boden zu stellen, um noch ein paar Kröten abzukassieren. Sie schieben der spendenfreudigen Bevölkerung lieber ihr EC-Kartenlesegerät herüber, um ein beachtliches Plus auf ihrem Pennerkonto verzeichnen zu können. Ich rede von Pennern, die eine eigene Paypal-Spendenseite ihr eigen nennen, um im digitalen Zeitalter den Kreis potenzieller und finanziell potenter Spender zu vervielfachen. Genau auf diese Art von Pennern der Oberschicht zielt meine Idee von Luxus-Accessoires für Edelpenner ab.

Penner, die sich in Grüppchen um brennende Tonnen versammeln, um sich zu wärmen und über bessere Zeiten zu schwadronieren, kennt ein jeder. Zeit also, diesem an Langeweile grenzenden gesellschaftlichen Ereignis neues Feuer unter dem Hintern zu entfachen. Beziehungsweise in der Tonne. Zeit, den nimmersatten Markt mit Markentonnen zu überschwemmen. Wie wäre es zum Beispiel mit einer original auf rustikal getrimmten Ed Hardy-Markentonne? Aus poliertem Edelstahl, mit funkelnden diamantenen Einlagen, innerer Beleuchtung und nimmer endender Fahrstuhlmusik? Mit Markentonnen, die mit umweltfreundlichen, rückstandslosem Ethanol anstelle von Müll und Kohlen betrieben werden?

Ich stelle mir das so vor, dass auf der alljährlich stattfindenden internationalen Tonnen-Expo die neueste Tonnen-Mode der kommenden Quartale vorgestellt wird. Dass über vergangene und zukünftige Tonnen-Trends diskutiert wird, über Tonnen zum Beispiel, welche komplett digitalisiert an das weltweite Internet angeschlossen sind und stündlich Statusberichte an Facebook, Twitter und Konsorten schicken. Ich träume von einer weltweit agierenden Tonnenbörse, in welcher binnen kürzester Zeit Tausende und Abertausende Tonnen den Besitzer wechseln und den TAX (Tonnen-Aktienindex) in schwindelerregende Höhen steigen lassen. Natürlich birgt dieser Milliardenmarkt gewisse Gefahren, die Chance, dass billige Plagiate aus China den europäischen Tonnenmarkt überschwemmen, liegt bei nahezu 100 Prozent. Razzien des deutschen Zolls unter den Brücken unserer Städte zur Enttarnung und Beschlagnahmung von Produktfälschungen werden wohl an der Tagesordnung liegen.

Ein weiterer großer Markt wird sich im Bereich der Reichen und Schönen dieser Welt auftun, insbesondere im Münchner Süden. Vielen Millionären und Milliardären böte sich mit meinen Markentonnen die Möglichkeit, einmal in die Rolle eines Angehörigen der Unterschicht zu schlüpfen. Einmal im Leben vor seiner Villa auf der Straße in Grünwald zu stehen, in einfache Esprit-Klamotten gehüllt, die Hände gen Markentonne gereckt – ein ungewohntes, ja befremdliches Gefühl. Spannend. Aufregend, ein wahres Abenteuer. Unvergesslich! Und empfehlenswert – jeder privilegierte sollte einmal in seinem Leben nachdenkliche Zeit vor einer Tonne verbringen. Ich sag es ja, die Markentonne wird ein Bombenerfolg. Ein milliardenschwerer Markt wartet nur darauf, von mir erobert zu werden – das Geld liegt im wahrsten Worte des Sinnes auf der Straße …

Und sollte ich in ferner Zukunft irgendeinmal tatsächlich meinen Anschlussbeam verpassen, kann ich voller innerer Ruhe und ohne zu verzweifeln zur Überbrückung der Wartezeit den örtlichen Pennern an ihrer Markentonne Gesellschaft leisten. Womit allen gedient wäre, Friede, Freude, Eierkuchen. Schön, findest du nicht auch?

13 Kommentare

  1. xXNorikoXx
    Sabbelte

    Im ersten Absatz hab ich noch gedacht „Was hat der Junge da grad genommen?!“, aber dann hat’s *klick* gemacht und ich hab gerafft, dass das ein äußerst bizzarer Traum war ^.^
    Und dann die Tonnen-Idee. WTF. Durchgeknallt und trotzdem genial. Ich steig gern als stiller Teilhaber mit ein =P

    • Krony
      Referierte

      Gerne! Du kannst dich ja dann an der internationalen Tonnenbörse einkaufen und darauf warten, dass meine Kolloss-AG tonnenweise Dividenden abwirft :’D

      Und ähm ich nimm schon nichts, keine Sorge. Dass der Bildschirm gerade flimmert, schwarzweiß ist und sich verflüssigt, ist völlig normal!

    • Krony
      Sagte

      Weet is sweet! Also Tumbleweed – ich werde allerdings auch in Zukunft bei „Rollbusch“ oder „Westernbusch“ bleiben, das klingt einfach Bodenständiger. Und was die Träume angeht: Ich poste hier eh nur die harmlosesten, „normalsten“ Träume. Ansonsten hätte ich hier auf dem Blog binnen kürzester Zeit entweder gar keine Leserschaft mehr, oder eindeutig die falsche(n) Zielgruppe(n) 😉

      • xXNorikoXx
        Quasselte

        JETZT hast du mich aber neugierig gemacht =P

        • Krony
          Schilderte

          Keine Kommentare, keine Interviews, keine Autogramme. Bei penetranten Anfragen konsultieren Sie bitte die PR-Abteilung der Krony Corporation! 😀

  2. Träume sind das Ergebnis einer Unzufriedenheit in der realität. Und doch beliben sind Träume, sie bedeuten nichts, sie verändern nichts, Träume sind nutzlos. Ich hasse Träume! Alles gesagt^^

    • Krony
      Faselte

      Eine Unzufriedenheit in der Realität. Hmm. Im Bezug auf meine Träumereien muss ich ziemlich skurrile Unzufriedenheiten haben ^^

      • xXNorikoXx
        Äußerte

        Wie man(n) sieht, auf jeden Fall mit der Deutschen Bahn ^.^

        • Krony
          Meldete

          Wobei ich mir selbiger eigentlich ziemlich zufrieden bin, sie kommt fast immer pünktlich, leistet sich kaum Ausfälle, bietet gewohnten Service und überraschend viel Sauberkeit. Nur Fahrten mit den Regionalbahnen durch ganz Deutschland gehen mir tierisch auf den Sack, mehr als 12 Stunden sollte niemand in heißen, überfüllten Zügen eingepfercht sein (>.<)

  3. Hyperion
    Verbalisierte

    „Das allgegenwärtige Internet teilte mir mit, dass der nächste planmäßige Anschlussbeam in Richtung Osnabrück in dreieinhalb Stunden vom Ouadagougouischen Hauptbahnhof abginge“

    Was willst du noch in Osna, wenn wir beide in Muc unser Privatdomizil deponiert haben? Nur eins von vielen, hmm, könnte kompliziert werden.

    Eins davon steht in BankOG (Stadt wurde 2102 unbenannt, nachdem das alte Weltfinanzzentrum von einer Al Quaida Bombe ausradiert wurde, BankOG dient nun als Ersatz).

    Zur Bombe – die 2060 von Al Quaida erfundene RadioRadiergummibombe zählt zu den Top 5 der gefährlichsten Waffen der Menschheit.
    Funktionsweise: So geheim, dass es selbst die NSA nicht weiß ^^

    Weitere gefährliche Waffen, die die Menschheit erfunden hat:
    – 2019 wurde der aus Ratchet & Clank bekannte Entenstrahler realisiert
    – Der Steckerzieher der Erzeugerin, ich wage es kaum zu sagen, wurde spätestens seit 2031 für die 99 Mrd. WoW-Zocker zum SuperGAU (Ma kommt ins Zimmer und zieht den Stecker)
    – Mutierte Merkel (2012) – man schicke sie in die Schlacht und sie treibt die Gegner mit ihrer Steuerreform in den Wahnsinn !

    Naja nun gut – ich mag Abschweifungen, an deren Ende der Leser merkt, dass er gerade 10 Minuten seines Lebens verschwendet hat 😉

    • xXNorikoXx
      Erzählte

      2 Minuten^^ So langsam lese ich nun auch wieder nicht =P

  4. Pingback: CRANK: Eine kleine Anleitung zur Ergreifung der Weltherrschaft | Krony

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