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Tokio. Shibuya. Wie direkt aus einem Manga entsprungen flanieren japanische Jugendliche in bunt-schwarzen, futuristisch anmutenden Outfits durch die Straßenschluchten der Stadt. Einer perfide Mischung aus Gothic, Emo, Comicfiguren und dem Mangastyle gleich. Sicherlich hat jeder schon einmal diesen Stil gesehen. Er nennt sich „Visual Kei„.

Entstehung und Bedeutung

Visual Kei setzt sich aus dem Englischen Begriff „visual“ (optisch, visuell) und dem japanischen Schriftzeichen „kei“ (Clique, Herkunft) zusammen. Der Kleidungsstil wurde bereits Mitte der 80er Jahre durch die japanische Band „X-Japan“ begründet (auch wenn die Band sich nie dieser Mode zugehörig erklärt hat), er erinnert dabei für uns Europäer fast ein bisschen an Transsexualität. Das liegt daran, dass die meisten Bands, welche diesen Stil zur Schau tragen, meist nur aus männlichen Mitgliedern bestehen und an Kajal-, Lippenstiften und sonstiger Schminke nicht gespart wird. Das gesamte Aussehen der Kleidung, Haare und Make-Up spielt dabei auf das traditionelle, jahrhundertealte Kabuki-Theater an. Der japanische Kaiser verbot im 17. Jahrhundert Frauen die Teilnahme an diesen Aufführungen, daher mussten zwangsweise Männer Frauenrollen übernehmen, was ein Grund dafür ist, warum Musiker von Visual Kei-Bands meist androgyn wirken und man offen mit Geschlecht und Alter spielt. In Japan müssen die Rock- und Popmusiker dabei übrigens keine Angst vor Beschimpfungen als Transe oder Schwule haben, in diesem Kulturraum gilt Androgynität, also das Mixen männlicher und weiblicher Kennzeichen, sogar als Schönheitsideal!

Auffallender Modestil

Japan ist und bleibt nun mal ein Land der Schuluniformen und hochdisziplinierter Turbo-Arbeitskräfte. Dem Einzelnen bleibt da kaum Raum für Individualität, daher verwundert es nicht dass die Japaner in ihrer Freizeit und insbesondere in der Musikszene gerne einmal aus der Reihe tanzen! Visual Kei selbst wird keiner bestimmten Musikrichtung zugeordnet, sondern bezieht sich auf das Styling im Gesamten. Es ist eine reine Moderichtung. Die Musiker selbst sind dadurch ungebunden und wechseln oft ihren Musikstil, welches in anderen Genres und Musikrichtungen nicht selbstverständlich ist. Fans der Visual Kei-Szene grenzen sich ausdrücklich vom so genannten „Cosplay“ ab, bei dem Manga- und Anime-Fans bei Treffen und Wettbewerben die Figuren aus ihren Lieblingswerken darstellen. „Visus“ – so werden Visual Kei-Anhänger genannt – tragen dagegen ihre Kleidung auch im normalen Alltag.

Detailliertes Styling

Das Styling ist auf die feminine Seite der meist männlichen Musikern bezogen. Farbige Kontaktlinsen und grell gefärbte, auffällig geformte Haare gehören zum Standard. Dazu kommen häufig auch Applikationen wie Sicherheitsnadeln, Aufnäher und Buttons, Haaraccessoires, Lack und Leder, bunte Kontaktlinsen, Extremfrisuren, bunte Knöpfe und Haarspangen sowie sehr viel Make-Up. Die Kleidung ist meist selbst genäht und zusammengestellt, was sehr zeit- und kostenintensiv sein kann. Die Fans der Szene kleiden sich wie ihre Vorbilder, zu denen etwa die Bands „Dir en grey“ , „Malice Mizer“ oder „D’espairsRay“ gehören. Der bunte, helle Kleidungsstil bedient sich der japanischen „Street Fashion„; das bedeutet, dass es sich hierbei oft um Outfits handelt, die nicht selten in Tokios trendigen Stadtteilen wie z. B. Harajuku oder Shibuya von modebewussten Leuten getragen werden.

Im Laufe der Jahre haben sich verschiedene Kei-Unterstile gebildet. Hier sind einige Beispiele:

  • Kawaii Kei“ ist auf übersteigert niedliches Aussehen ausgerichtet (Beispielband: An Cafe)
  • Oshare Kei“ ist bunt und vielfältig, niedlich (Beispielband: An Cafe)
  • Angura Kei“ kombiniert Tradition und Moderne (Beispielbands: Plastic Tree oder Kagrra)
  • Goochikku Kei“ greift die Gothic-Mode auf (Beispielband: Moi dix mois)
  • Debiru Kei“ orientiert sich am Düsteren, ist aber nicht mit dem Okkulten verbunden (Beispielband: D’espairsRay)
  • Poruno Kei“ hat erotische Einflüsse (Beispielband: Fatima)

Visual Kei bei uns

Den eigentlichen Durchbruch in der Szene schafften die Bands „Luna Sea“ und „Malice Mizer„. Am meisten wurde die Szene durch das Internet bekannt und verbreitet, daher spricht man oft von einer „virtuellen Jugendszene„. Nachdem es diesen außergewöhnlichen Style bis vor kurzem fast ausschließlich in Japan zu sehen gab, schwappt die Visual Kei-Welle allmählich auch nach Europa über. Es gibt bereits erste Bands, die sich dieses Stils bemächtigt haben und in allen Facetten ausleben. Auch gibt es schon erste deutsche Fanclubs und Foren des Visual Rock. Insgesamt ist die deutsche Szene allerdings noch sehr überschaubar, obgleich sie einem stetigen Wachstum unterliegt. Und wer weiß, vielleicht sehen auch wir demnächst in den Städten und auf den Bühnen unseres Landes Menschen, die einem verspielten Meer aus Farben und Formen gleich einen fernöstlichen Hauch japanischer Szenekultur verbreiten.

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