3

Minimalismus durch Digitalisierung

„Krony, wieso ist deine Butze so leer?“, so schallte es wiederholt perplex im quadrierten Kreise meiner vier Wände. Des Rätsels Lösung: Es herrscht ad hoc kein Bedarf hinsichtlich weiteren Mobiliars. Punktum. Erwürbe ich beflissen Schränke und Regale, so stünden diese dauerhaft leer. Ich setzte mich selbst unter Zugzwang, mir kitschigen Nippes, seelenlose Figürchen und anderweitigen Krempel zuzulegen, einzig erpicht darauf, die vollendete Leere meiner Stauflächen mit jenen entbehrlichen Gegenständen fachgerecht zu umzingeln respektive zu kaschieren.

Des Dilemmas ruchloser Verursacher ist die voranschreitende Digitalisierung jedweden Bereiches unseres analogen Alltags (tihihi, ANALog). Früher füllte Weltlektüre zahllose Regale, mächtige Schmöker und dünnseitige Groschenromane. Sie zierte ganze Wände, beanspruchte Stauraum, zeigte unbeirrt Präsenz, vermittelte Besuchern einen Eindruck von Weltkenntnis, Weisheit und Gelehrsamkeit. Dieser Tage hingegen verkörperte in meiner Wohnung ein einzelner Amazon Kindle besagtes Bücherregal, eine massive Agglomeration digitalisierter Lyrik inmitten systematischer Ödnis.

Wo weiter schwarz-glänzende Scheiben gerillten Vinyls sowie silbern und bläulich spiegelnde Datenträger Seite an Seite stehend lagerten, erfüllt ob epischer Sinfonien, freudiger Klänge, monumentaler Bewegtbilder und dramatischer Momente, verlöre sich dieser Tage ein auf Papierstreifen gebannter WLAN-Key auf weiter Flur, welcher via digitalen Übermittlers in Form internetfähiger Geräte als Pförtner zu schier unendlich anmutenden Medien-Universen von Spotify und Google Play Movies fungierte. Musik und Filme stehen in nie da gewesener Fülle parat, erpicht darauf, bis ans Ende meines Lebens ausnahmslos alle Sekunden dessen vollumfassend befriedigend musisch zu untermalen. Ich stehe vor der fragwürdig anmutenden Crux, dass ich zwar massig Medien habe, doch nicht besitze – mein Entertainmentregal böte daher allenfalls beflissen webenden Spinnen eine dauerhafte Bleibe.

Lichtbilder, in Alben gepickt und gar manche mysteriöse Kiste füllend, verloren ihre haptische Form, transformierten sich in Myriaden lausiger Nullen und Einser – und entfleuchten letztlich in die Sphären diverser Clouds. Kalender verschwanden von Wänden, Notizen von Schreibtischen, Einkaufslisten von Kühlschränken, Telefonbücher von Telefontischen und Magazine sowie Comics von Tresen und Beistelltischchen heimeliger Toiletten. Apps übernahmen die Herrschaft über häusliche Zucht und Ordnung, so auch bei mir. Obsolet bliebe auch das Interieur eines Arbeits- oder Bürozimmers, da dessen Schreibtischschubladen, Wandkonsolen und Ordnerregale bar jeglichen Inhaltes allenfalls häuslichen Staub wahrten – diesem neumodernen Internetz sei dank. Rechnungen, Korrespondenz, Briefe sowie anderweitige Dokumente liegen ebenso vollends in digitaler Form vor und entbehren somit sämtlicher Objektivität, inklusive einhergehender Randerscheinungen wie Heftern, Lochern, Aktenordnern und Konsorten.

Ähnliches Schicksal erfuhren Radio, Fernseher und Telefon: Sie verschwanden schleichend aus meinem Alltag und hinterließen klaffende Lücken im potenziellen Arrangement meiner Möbel, wurden gnadenlos verdrängt durch Smartphone, Tablet, Laptop und Computer; alles könnenden Reingeburten virtueller Höllen.

Was bleibt, ist, dass nichts bleibt. Wohl an, man böte mir einen großen Raum, erfüllt von wonnevollen Melodien und himmlischer Lichtkunst à la James Turrell, durchzogen von frischer, erquickender Luft und mächtigem WLAN – und inmitten des Nichts gekrönt von einer flauschigen Mulde sanfter Kissen, kuschliger Decken und eines formidablen Laptops – und ich fühlte mich wohl, ja endlich zu Hause angekommen. Ich lebe unter der Geißel des Internets – und bin gleichwohl Geisel dessen. Und das ist gut so. #devoterKrony

Heil dem Materialismus

Nächtigt le Awapando bei mir, so liegt er mir unentwegt eines ungezogenen Kindes gleich nölend im Ohr: „Kauf dir dieses, kauf dir jenes, und mir auch, eigentlich vor allem mir, tu es, du Muggel!“ Allerorten warten naiven Konsumenten vortreffliche Verlockungen auf, und gar manch schwacher Geist verfällt jenen Verführungen. Sicher, ich könnte jederzeit zugreifen. Dürfte es mir leisten. Und gebe selber frei heraus und gänzlich ungeschminkt zu: Besitz ist schon sehr sehr geil, joah. Verschafft sagenhaft oberflächliches Ansehen und inkompetenten Respekt, bereitet Spaß und Unterhaltung. Zeigt auf: Kuckt mal, das bin ich und das kann ich mir leisten, ätsch! Ja, seht her, staunet, versinket in Ehrfurcht vor meiner Großartigkeit. Verehret mich aufgrund meines materiellen Besitzes. Denn ich bin ein Könner. Und gönn mir. Und ihr minderwertigen Mitmenschen dürft gütigerweise bis zu einem gewissen Grad in meinem güldenen Glanze baden und daran teilhaben.

Ich könnte mich von materiellen Gütern allererster Sahne umgeben. Von sündhaft teuren Gadgets, neuesten elektronischen Schreien, ausgefeilten Designermöbeln, modernster Künste und erlesener Monturen feinsten Modehandwerks. Ich könnte. Doch ich brauche dies alles schlicht und ergreifend nicht, erfreue mich an dem Wenigen, welches ich mit Fug und Recht mein Eigentum nennen darf. Ich lebe und liebe Minimalismus, empfinde ein Zuviel an Hab und Gut belastend, erdrückend, meine emotionale wie physische Ordnung störend. Ich kaufte einzig um des Habens wegen, nicht um des Brauchens. Für andere, nicht für mich selbst. Ich könnte, doch ich fühlte mich damit unwohl, miede meinen Besitz, verachtete jenes Materielle, suchte andernorts Schutz und Erfüllung in vollendeter, lichtdurchfluter Leere.

Ich feiere die Digitalisierung unserer Umgebung, sie kommt mir entgegen, ermöglicht ein Leben in Ordnung und Leere, in welcher ich mich so unendlich wohlfühle. Denn weniger ist mehr.

3 Kommentare

  1. Awapando
    Plauderte

    So schlimm bin ich jetzt doch auch nicht.
    Ich schlage dir lediglich Dinge vor die in deiner Butze verdammt geil wären, ob du sie kaufst oder nicht liegt letzten Endes noch immer bei dir.

    Flauschige Grüße, Awapando

    • Krony
      Quasselte

      Huhu Hase,

      oh doch, du bist so schlimm – und das feier ich so derbe an dir 🙂 Wärste hingegen durchwegs lame, lernten wir uns vermutlich niemals kennen. Und hey – viele deiner Nölereien bringen sichtbare Besserung in mein Leben, siehe beispielsweise Schuhe. Oder Musikgeschmack. Oder Three Sixty Black. Oder sow. Ich hoffe sogar, dass künftig weiteres Genöle von deiner Seite folgen wird, auf dass wir auch weiterhin schnaftige Einkaufsrunden und eskalierende Chill-Abende verbringen werden <3

      Küsschen auf die Muschi, dein Krony

  2. Pingback: Adieu, IT 👋🏻 | Krony

Kommentieren