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Mein lieber Freund und Kupferstecher! Ob Freund und Feind, ein jeder legt mir hin und wieder zu herzen, ich solle nicht das Unterste zuoberst kehren. Sätze wie „Ja, wir wissen, dass du schwul bist!“ oder „Du und dein ewig währender Kampf für Gleichberechtigung – das ist doch überflüssig!“ bekomme ich des Öfteren zu hören. Der weitläufigen Meinung meines Bekanntenkreises zufolge manifestierten sich Homosexuelle endgültig ins Zentrum der Gesellschaft, Anfeindungen seien selten geworden respektive endgültig überwunden. Darum seien auch Kritik und Gejammer ob Homophobie unangebracht. Sicher? In ihrem Handeln uneingeschränkte, schwule Politiker wie Klaus Wowereit, Ole von Beust und selbstverständlich Guido Westerwelle vermitteln den Eindruck, dass die Thematik der Diskriminierung anderer sexueller Orientierungen beendet sei. Schön, eigentlich könnte der Beitrag hiermit schon wieder beendet sein.

Homosexualität hat sich, so scheint es, im täglichen Turnus etabliert. Und das in einer erstaunlich kurzen Zeit, schließlich wurde erst 1994 das Verbot von homosexuellen Handlungen unter Erwachsenen laut deutscher Verfassung aufgehoben. Die Angelegenheit wirkt alltäglich, angegraut und langweilig. Jedoch liegt genau darin das Wagnis: Die Geschichte zeigt, dass ein allzu selbstverständlich genommener Fortschritt die Gefahr des Rückschlags birgt. Das beste Beispiel dafür weißt in jüngster Zeit die „Hochburg der Toleranz“ – New York, I like – auf: Die niemals schlafende Millionenmetropole ist aktuell Tatort einiger brutaler Übergriffe und eindeutig bedenklicher Debatten gegenüber Homosexuellen. Und das beschränkt sich nicht nur auf New York, nein, in vielen so scheinbar aufgeschlossenen Gesellschaften flammt derzeit die verbale und physische Gewalt auf.

Blut und Morde

Turn to Jesus - study the Bible! Urheber: Michael Tracey from Ashevillle, NC, USA (Wikipedia) Große Welle schlug das Schicksal eines homosexuellen Student aus New York, der von seinen Mitstudenten heimlich beim Sex gefilmt und jenes Video anschließend im Internet veröffentlicht wurde. Kurz darauf beging er Selbstmord, indem er sich von der George Washington Bridge in Manhattan stürzte. Er hatte sein erzwungenes Outing und das anschließende Mobbing an seiner Universität nicht ertragen. Wenige Tage zuvor wurde ein Mann in einer Bar an der Christopher Street krankenhausreif geschlagen, da er zugab, schwul zu sein. Für die Täter war das Grund genug. Und das genau an jener Straße, die ein weltweites Symbol für Toleranz und Gleichberechtigung wurde. Im gleichen Zuge sollte hier noch auf die wirklich harte Folter und Misshandlung schwuler Teenager im New Yorker Stadtteil Bronx verwiesen werden. Wohlgemerkt, dass alles geschah binnen der letzten Tage. Es brodelt in den Straßen NYs.

Unterm Strich lässt sich in den USA eine landesweite Tendenz gegen Homosexuelle erkennen. Reißerische, eindeutig diskriminierende Aussagen wie von Carl P. Paladino, Gouverneursanwärter für New York und wetternde fundamentalistische Christen gießen zusätzliches Öl ins Feuer. Feuer, das auf die Bevölkerung übergreift.

Du Schwuchtel!

Alcohol Prostitution Homosexuality - not allowed please. Urheber: Nicor (Wikipedia) Andere Brennpunkte sind die jüngsten Ausschreitungen am Rande einer eigentlich friedlichen Parade von Schwulen und Lesben in Belgrad (Serbien). Das Ziel des Umzugs war eigentlich nicht offene Provokation, sondern anderen Homosexuellen im Lande aufzuzeigen, dass sie mit ihren Gefühlen nicht alleine dastehen und die Forderung nach mehr Rechten. Aus einer friedlichen, mutigen Horde wurden fast blutige Morde. An vorderster Front der Gegendemonstranten: Die Kirche. Wie kann eine Kirche zu einer Demonstration gegen die Einforderung eines Freiheitsrechts aufrufen?

Auch bei uns in Deutschland boomt gerade unter Jugendlichen der Trend zum sogenannte Cyber-Mobbing im Internet. Nicht nur, dass homosexuelle Schüler während der Schulzeiten leider nur zu oft „psychischem Terror“ ausgesetzt werden. Nein, in Zeiten des Internets lässt sich dies auf 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche erweitern – was homosexuelle Teenager vermehrt erst in Verzweiflung und in letzter Instanz in den Selbstmord treibt. Dass laut neuesten Befragungen „Schwuchtel“ die am meisten verwendete Beleidigung in deutschen Schulen ist, stellt hierbei mit Sicherheit nur die Spitze des Eisberges dar.

Liebe verdient Respekt!

Liebe verdient Respekt! Homosexuelle, die dieser Tage in Deutschland leben, dürfen sich durchaus ihres Lebens erfreuen und sich glücklich schätzen ob der gewonnenen Freiheiten und der Toleranz des deutschen Staates. Generationen von Schwulen und Lesben vor ihnen mussten sich diese Rechte schließlich bitter erkämpfen. In vielen anderen Ländern der Erde drohten ihnen drastische Strafen, Gefängnisaufenthalte oder gar der Tod. Dennoch, völlige Gleichberechtigung herrscht noch lange nicht – weder in den USA noch bei uns. Hier ist noch einige Aufklärungsarbeit von Nöten. Beide Parteien sind, so finde ich, zu mehr Entgegenkommen und Aufgeschlossenheit aufgerufen. Barrieren können niedergerissen und Vorurteile aufgehoben werden – wenn man nur will. Liebe verdient Respekt, Leute!

Noch mehr nach dem Break: Reportage: „Biste schwul, oder was?“

5 Kommentare

  1. Pingback: Liebe verdient Respekt: Auflodernder Schwulen-Hass entsetzt die Welt

  2. Aki
    Sabbelte

    Sehr gut!
    Ich habe mir mal deine letzten „Berichte“ durchgelesen, sowie mir den kurz Film angesehen, und finde sowohl deinen Schreibstil als auch den Inhalt wirklich gut.
    Vorallem, dass du das veröffentlichst und über diese Themen schreibst. ^^
    Ich hoffe das möglichst viele das hier lesen und es nachvollziehen können

    Liebe grüße Aki

    • Krony
      Flüsterte

      Danke danke, liest man gerne. Ich schreibe eigentlich immer über das, was mich gerade interessiert und auch nur dann, wenn ich Bock dazu habe. Thematische Grenzen gibt es für mich nicht – frei nach dem Motto: Hau raus, was der Verstand her gibt! Was sich dann aber durchaus auch an den starken Qualitätsschwankungen der einzelnen „Artikel“ ablesen lässt *hust* 🙂

  3. Celina
    Schwafelte

    Heii 🙂
    Wirklich sehr guter Text!
    Ich hab nur nochmal eine Frage, dass Bild mit “ Alcohol Prostitution Homosexuality Not Allowed Please“ – in welchem Land hängt das, bzw. wo wurde es gesichtet?
    Liebe Grüße

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