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Vor geraumer Zeit schrob ich – in für damalige Verhältnisse mehr oder minder dilettantischen Worten – einen kleinen, aber feinen Artikel über die profunde Essenz schwuler Beziehungen. Darüber, dass mitnichten die pure Befriedung sexueller Triebe ausschlaggebend für das Zusammenkommen gleichgeschlechtlicher Menschen verantwortlich wäre, sondern so scheinbar banale und doch elementare Attribute wie Wärme, Geborgenheit, Sicherheit, Glück sowie Treue. Eben jene einer klassischen, erfüllenden Liebe. Oder anders ausgedrückt: Homosexuelle lieben und gehen eine Beziehung ein, weil es sich für sie richtig anfühlt.

Keine Antwort ist auch eine Antwort

Jedoch stand bis dato nach wie vor die rätselhafte Frage auf weiter Flur, aufgrund welcher Ursachen oder Beweggründe Schwuppen – um bei der mich selber betitelnden Bezeichnung zu bleiben – an sich überhaupt schwul werden – oder sind? In den digitalen Sphären dieses neumodernen Internetzes findet sich dazu ein wahrer Ozean grotesker, teils zutiefst unseriöser Erklärungsversuche ob homosexueller Neigungen. Von der grundlegend falschen Erziehung aufseiten der Eltern über physische sowie psychische Behinderungen und Krankheiten bis hin zur teuflisch bedingten Verführung gen süßer Fleischeslust finden sich mannigfaltige, jeweils als “wahre Wahrheit” betitelte Ursachen in zig Websites und Artikel. Selbstredend mit enorm wirksamen, ungleich teureren Gegenmaßnahmen und Mittelchen zur Korrektur homosexueller Persönlichkeiten. Menschenverachtender Scharlatanismus; gefährlich, beschämend und auf blanker Geldgier basierend.

Die große Frage

Indes hilft dies der Beantwortung der Frage, wieso Homosexuelle homosexuell sind, nicht wirklich weiter. Also, wieso ist der Status quo so, wie er ist? Weshalb liebt meine Wenigkeit beispielsweise de facto Männer? Entspringt dies verlockenden Pheromonen, unbändigen Trieben, ehrlichen Gefühlen – wie in jedem der über sieben Milliarden Menschen? Selbstredend. Aber wo genau liegt die eigentliche Wurzel der gleichgeschlechtlichen Anziehung? Nun, Mensch sei dank stellt sich die moderne Wissenschaft frappierend ähnliche Fragen – und lieferte dazu nun erstmals eine sachliche, valide Theorie – im Gegensatz zu auf Jahrtausende alte Märchen basierende Weltreligionen oder selbst ernannten Heilern und Kämpfern der wahren Orientierung.

Des Rätsels Lösung

Wortwörtlich steinalte Überlieferungen, Papyri sowie Bücher belegen: Homosexualität gab es in jeder Kultur und zu jeder Epoche, sie ist so alt wie die Menschheit selbst. Bis zu konstanten 10 % der Menschheit, gleich Mann oder Frau, waren – und sind – homosexuell. Das ist mittlerweile zweifelsfrei belegt. Und Fakt ist auch – das behaupten nun die zwei US-amerikanischen Evolutionsforscher William Rice, Sergey Gavrilets und ihr schwedischer Kollege Urban Friberg in diesem ausführlichen Artikel der ZEIT ONLINE – dass Homosexualität nicht vererbbar sei, aber dennoch mit jeder Generation aufs Neue entstünde. Homosexualität an sich verkörpere eine etwas seltenere Variante sexuellen Begehrens, sei von Befruchtung an natürlich angeboren und somit für den einzelnen Homosexuellen unabwendbar. Schwule, Lesben und auch Bisexuelle erblickten als Solche das Licht der Welt und unterlägen genauso wie heterosexuelle Menschen den sexuellen Verführungen, mehr noch, dem Verlangen nach einem passenden Partner. Nur, dass dieser eben gleichgeschlechtlichen Wesens ist.

Im Detail ginge dies wie folgt vonstatten, ich zitiere:

[…] Homosexualität entsteht in jeder Generation aufs Neue. Nach dem Modell von Rice und seinen Kollegen wird sie aktiviert, wenn bei der Zeugung nicht nur die Erbanlagen selbst, sondern bestimmte Regelmechaniken übertragen werden, die sich erst seit Neuestem präzise erkunden lassen.
 
Es handelt sich dabei um epigenetische Steuerbefehle (sogenannte Epi-Marks). Diese biochemischen Markierungen auf der DNA können nicht benötigte Gene in einer Zelle gleichsam in den Tiefschlaf versetzen. Doch die Epi-Marks können zuweilen auf den Nachwuchs vererbt werden, anstatt im Vererbungsprozess gelöscht zu werden, schreiben die Forscher im Quarterly Review of Biology. Wenn der vererbte Code Gene betreffe, die an der Realisierung der Sexualität im Gehirn mitwirken, könne es zur »Diskordanz zwischen biologischem Geschlecht und sexueller Orientierung« kommen. Auf diese Weise würden Mütter ihr sexuelles Interesse an Männern auf epigenetischem Wege an ihre Kinder weitergeben. Ebenso wie die Mütter würden dann die Söhne Männer begehren. Vererbten andererseits Väter ihre sexuelle Orientierung, hätte dies Auswirkungen auf die Töchter: Sie fühlten sich, wie der Papa, zu Frauen hingezogen. […]
 
ZEIT ONLINE, Artikel „Evolutionsbiologie: Muttis Tunte, Papas Lesbe“ vom 14.03.2013.

Zwar seien, so weiter, noch nicht alle offenen Fragen geklärt und tiefer gehende Forschungen vonnöten, endgültige Bestätigung und Anerkennung der These stellten allerdings nur noch eine Frage der Zeit dar. Nähere Details und weiterführende Informationen im besagten Beitrag auf ZEIT ONLINE; Prädikat: Lesenswert.

BÄM! Nehmt dies, homophobe Kritiker!

Der Weg ist das Ziel

Aber welche Folgen würfen besagte Erkenntnisse auf? Nun, in erster Instanz für manchen Homosexuellen auf dieser Welt: Gewissheit und Sicherheit anstelle von Selbstzweifeln und Ängsten. Doch in zweiter Linie schlüge dies deutlich weitreichendere Wellen, eines Tsunamis gleich: Personen, Vereinigungen und Regierungen des Planeten Erde, welche in der Vergangenheit und gegenwärtig die Heilung von Homosexuellen anboten, Schwule und Lesben als Menschen zweiter Klasse deklarierten und ihnen die gesetzliche und damit einhergehende gesellschaftliche Gleichberechtigung mit heterosexuellen Menschen vorenthielten, gewännen auf politischer Ebene langfristig internationale Ächtung.

Mehr noch, die jahrelang praktizierte Diskriminierung und teils gar vorsätzliche Verletzung der Menschenrechte Homosexueller böte dank dieses wissenschaftlichen Fundaments mitunter gar die Chance auf Gerichtsbarkeit vor dem Internationalen Gerichtshof der Vereinten Nationen in Den Haag. Zur Genugtuung und Wiedergutmachung ob des bereits Geschehendem. Es gälte, Jahrzehnte gesellschaftlicher und politischer Fehlentwicklungen aufzuarbeiten. Selbst Religionsgemeinschaften wie die katholische Kirche müssten Homosexualität zähneknirschend als gottgegebenes Schöpfungswerk anerkennen, da sie andernfalls ebenso grundlegende Menschenrechte verletzten – ganz abgesehen davon, dass hierzulande diesbezüglich geltendes Recht sowieso seit Langem untergraben wird. Und, was in deren Fall mitunter noch schwerer wiegt, die Kirche verleumdete mit der weiteren Diskriminierung Homosexueller Gottes eigene Schöpfung und damit sich selbst.

Dem Spuk ein Ende machen

Nun, mir bleib hier noch niederzuschreiben, den womöglich tendenziell verbitterten Unterton zwischen den Zeilen dieses Artikels zu entschuldigen. Jedoch empfinde ich es persönlich als überaus traurig, dass ein Nachweis ob naturgegebener Homosexualität im Jahre 2013 scheinbar nach wie vor erforderlich ist. Schimpfen wir uns in westlichen Industriestaaten immerhin „postmoderne Gesellschaften“. Fragten wir, weshalb ein Hund bellte, antworteten wir: Weil dies ein Hund ist und im Gemüt eben jenes liegt. Die Antwort auf die Frage hingegen, weshalb ein Mensch für einen Menschen Gefühle wie die Liebe empfindet – weil er eben ein Mensch ist – wird misstrauisch hinterfragt, Lügen gestraft, verkehrt, verquirlt und herabgewürdigt. Es ist deutlich an der Zeit, dem endgültig ein unbestreitbares Ende zu bereiten 🙂

Titelbild: „The Middle Region“ von „netmonkey„.

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Ein Kommentar

  1. Florian
    Formulierte

    Gefällt mir gut, was du da schreibst, und spricht mir voll und ganz aus der Seele!

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