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Prypjat und die Region um den havarierten sowjetischen Unglücksreaktor Tschernobyl? Ein Kindergeburtstag, wenngleich mit katastrophaler Stimmungslage! Die Strahlung rund um den japanischen Siedewasserreaktor Fukushima? Pillepalle! Nein, der wahrscheinlich nuklear am stärksten verschmutze Ort der Erde liegt abseits bekannter Kernreaktoren im südlichen Ural Russlands. Es handelt sich um ein relativ unbekanntes Gewässer, dem Karatschai-See. Einem toten See, dessen Strahlung ungeschützten, nichts ahnenden Besuchern binnen einer Stunde das Leben aushaucht.

Irgendetwas lief in den Köpfen der verantwortlichen Techniker / Militärs aus der ehemaligen Sowjetunion schief, als sie anno 1951 spontan beschlossen, hoch radioaktiven Müll aus dem in der Nähe vom Karatschai-See gelegenen nuklearen Zwischenlager Majak und Abwässer aus der Wiederaufbereitungsanlage Osjorsk im See zwischenzulagern und einzuleiten (!). Atommüll. Und Plutonium. In einem See lagern.

Tschernobyl – komprimiert

Doch sie taten es – und es kam, wie es kommen musste: Der Verseuchungsgrad des Sees stieg exorbitant an – auch aufgrund der darin zwischengelagerten Behälter, die undicht wurden und nur unzureichend gedämmt waren. Infolgedessen traten enorme Mengen radioaktiven Materials aus. Als hätte die Region nicht schon genug mit der jahrelangen, vom Majak Komplex praktizierten systematischen Entsorgung radioaktiver Abfälle in den Techafluss zu kämpfen, gesellte sich nun also ein noch viel gefährlicheres Gewässer hinzu. Eine atomare Verseuchung, die weltweit ihres gleichen sucht. Angaben von GlobalSecurity.org zufolge belief sich die Aktivität des radioaktiven Materials im Karatschai-See 1990 auf rund 4,44 Exa-Becquerel. Also 4.400.000.000.000.000.000 Becquerel. Eine nichtssagende Einheit, daher helfen vielleicht folgende Vergleiche: Bei der Havarie des Tschernobylreaktors wurde radioaktives Material mit einer Aktivität zwischen 5 und 12 Exa-Becquerel freigesetzt – allerdings auf eine deutlich größere Region verteilt. Zugleich liegt der europäische Aktivitätsgrenzwert für ein Kilogramm Nahrungsmittel 600 Becquerel.

Vom Winde verweht

Am 29. September 1957 stieg die Strahlung des Karatschai-Sees infolge des Kyschtym-Unfalls noch einmal deutlich an. Der im Westen nahezu nicht beachtete Kyschtym-Unfall gilt als der zweitschwerste Atomunfall in der Geschichte der Menschheit und setzte mehr Strahlung frei, als die Katastrophe von Tschernobyl. Als sei dies nicht genug, trocknete der Karatschai-See in den 60er Jahren aufgrund einer anhaltenden Dürreperiode nahezu komplett aus. Mit fatalen Folgen für die gesamte Region um den See herum: Winde trugen den ehemals vom Wasser bedeckten, sandigen Seegrund als hochradiaktiven Staub über die Grenzen des Sees hinaus und verseuchte eine Gesamtfläche von 1.800 km² mit einer durchschnittlichen Strahlungsdosis, wie sie in Hiroshima nach dem Abwurf der Atombombe Little Boy freigesetzt wurde.

Strahlende Aussichten

Die sowjetische Regierung ignorierte diese Umweltkatastrophe lange Zeit respektive redete sie klein. Bis sie 1978 entschied, den kompletten See mit Beton aufzufüllen, um einerseits den Grund des Sees hermetisch abzudichten und um andererseits alle beweglichen, radioaktiven Teilchen fest zu binden. Unzureichende Maßnahmen, wie sich herausstellte – das Betonfundament ist mittlerweile an vielen Stellen brüchig und durchlässig, radioaktives Wasser droht ins Grundwasser und in nahe gelegene Flüsse zu gelangen und dadurch die gesamte Gegend inklusive des arktischen Meeres zu verseuchen.

Solang nichts passiert, wird nichts unternommen

Durch den See und anderer in der Region vorgefallener Unfälle wurde die Bevölkerung rund um den Karatschai-See in den letzten 45 Jahren mit der 20-fachen Strahlung der Katastrophe von Tschernobyl belastet. Die Umgebung des Sees an sich ist heutzutage ein weit abgegrenztes, militärisches Sperrgebiet. Eben der nuklear am stärksten verschmutze Ort der Erde, in dem nach wie vor Abwässer eingeleitet werden. Zwar existieren Ideen und Pläne, den See erneut komplett mit Beton auszufüllen und das nähere Umland weiträumig zu dekontaminieren – allerdings mangelt es hier wie so oft einerseits an den nötigen Finanzmitteln, andererseits an gegen diese extreme Strahlung resistenten technischen Gerätschaften – Arbeiten sind bislang nur aus der Luft oder mittels Roboter möglich. Solang nicht irgendetwas wirklich Katastrophales vorfällt, das die Aufmerksamkeit der weltweiten Medien auf sich lockt, wird der Ort die somit traurige Rangliste der verstrahltesten Gebiete der Erde weiterhin heimlich anführen.

Foto: S.T.A.L.K.E.R.

Ein Kommentar

  1. kapitalist
    Laberte

    einfach nur schrecklich, wie der Mensch den planeten zerstört.. das wird nochmal böse enden

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