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Herr Kaliban kramt Vergangenes aus und schwelgt in Selbigem – und ich eifere ihm feste nach. Denn früher war bekanntlich alles besser. Jedoch nur, da wir uns gute Dinge eher langfristig merken und Schlechte gekonnt zu verdrängen vermögen. Also war genau genommen doch nicht alles besser, Pustekuchen. Dennoch war damals zumindest alles … anders. Seltsam. Skurril. Aus heutiger Sicht gar antiquiert, steinzeitlich, geradezu fremdartig anmutend.

Denn früher, so zwischen 1995 und 2003 …

… öffnete der urige Kramerladen meines damaligen Kaffs Heimatdorfes auch sonntags nach der Kirche seine Pforten. Er bestand im Großen und Ganzen lediglich aus einem einzigen schummrigen Raum mit diversen überfüllten Regalen und brummenden Kühltheken. Samt abgenutzter Theke, nostalgischer Kurbelkasse und nur durch einen Vorhang abgetrenntem, anschließenden Wohnbereich der Krämersleute.

… konnten wir Kinder uns im Kramerladen einige ausgewählte Süßigkeiten in eine Papiertüte verpacken lassen, für 10, 20 oder 50 Pfennig kaufen und anschließend mit Stolz geschwellter Brust verzehren.

… schrieben wir Briefe und Geschichten entweder per Hand – oder mit einer Schreibmaschine auf echtem, griffigen Papier (!). Anfangs noch mit einer mechanischen Schreibmaschine, später mit einer elektrischen samt automatischem Zeilenwechsel. Rechtschreibfehler mussten mühsam mit Löschpapier nochmals falsch getippt und anschließend mit dem korrekten Buchstaben überschrieben werden.

… planten unsere Eltern längere Autofahrten mit großformatigen Faltplänen. Diese wurden auch während der Fahrt des Öfteren zurate gezogen, um die aktuelle Position zu überprüfen und den weiteren Verlauf der Route erneut ins Gedächtnis zu rufen. Vorteil dieses unkomfortablen Prozederes: Unsere Eltern kannten sich aus und kamen jederzeit von A nach B. Ohne GPS und Navi, sondern ausschließlich dank ausgeprägter Ortskenntnisse. Wehe, wenn heutzutage Strom und GPS ausfielen.

… kostete ein Liter Benzin an der Tankstelle durchaus stolze 1,80 DM – umgerechnet rund 90 Cent. Nach der Euroeinführung war der Tag, an welchem der Spritpreis auf den Anzeigen der Tanken das erste Mal die magische Grenze von 1,00 € übersprang, heiß diskutiertes Thema auf dem gesamten Pausenhof.

… fand der Schulunterricht ohne Beamer, PC, Laptop, DVD-Lehrfilmen und Internet statt. Sondern schön klassisch auf althergebrachten grünen Tafeln, abgegriffenen Büchern aus Papier, Kassetten-Hörspielen, teils mehrere Jahrzehnte alten Schautafeln und in den seltensten Fällen auch mit leiernden Videokassetten. Was dann ein absolutes Highlight darstellte.

… herrschte Krieg auf dem Balken, auf dem europäischen Kontinent.

… bauten wir Staudämme und Erdwälle im benachbarten Wald, um Bäche umzuleiten und kleine Seen anzulegen. Außerdem gruben wir waghalsige Rennstrecken in die Steilhänge diverser Kiesgruben, um diese anschließend mit unseren Rollern hinunterzubrettern. Mit echten, stabilen Kinderrollern – und nicht diesem klapprigen Cityroller-Gedöns dieser Tage.

… saßen wir gebannt zu Musik und Hörspielen wie Bibi Blocksberg, Pumuckl, Die drei Fragezeichen, Benjamin Blümchen und die fünf Freunde-Reihe lauschend vor dem heimischen Radio. Abgespielt von Kassette. Samt sporadisch auftretendem Bandsalaten – ein Hoch auf den guten alten Bleistift.

… bot nahezu jeder Kassettenrekorder auch ein eingebautes Mikrofon und damit die Möglichkeit, die eigene Stimme samt Musikuntermalung aufzunehmen.

… gab es noch 151 Pokémon.

… tollten und kletterten Schulkinder in den Pausen draußen munter herum; miteinander, glücklich und durchaus auch mal mit einer einhergehenden Gehirnerschütterung oder einem Armbruch. Was dann als überaus cool galt.

… besaßen spießige Familien bemüht dekorierte Hobbykeller für öde Feten und biedere Sausen. Mit geschmacklosen Sofas, ausrangierten Fernsehern, hässlichen Vorhängen und verstörenden Bildern an den Wänden.

… lutschten und kauten wir erhaben auf Bumbum-Eis mit Kaugummistil herum. Wie frivol. Yummie!

… war der jährliche McDonald’s-Besuch ein absolutes Highlight und die darin vertilgen Burger und Pommes das höchste der Gefühle.

… durften wir Kinder ungestört herumschreien, lauthals lachen, Krach machen und Gärten umgraben, um beispielsweise eigene Wege, Hügel oder Baustellen anzulegen, ohne dass sich jemand daran störte. Wir waren eben Kinder und sollten machen, was Kinder eben so machen: Krach, Jux und Tollereien.

… gab es innerorts ab und an noch Feldwege. Im Sommer trocken, mit Staubwolken hinter den Fahrzeugen. Im Winter hingegen glatt und vereist – ideal zum Schlittern und Rutschen.

… trafen sich im Winter die Kinder der gesamten Umgebung beim örtlichen Schlittenhügel, um auf gewachsten Kufen oder knallbunten Bobs jauchzend über selbst gebaute Sprungschanze zu fliegen. Oder um gemeinsam Iglus und Eispaläste zu errichten.

… gab es ohne Kabelanschluss und Satellit im Süden Deutschlands lediglich fünf Fernsehsender – ARD, ZDF, BR, ORF 1 und ORF 2.

… wurden diese fünf Sender via Antenne empfangen, die sich bei Gewitter und Sturm gerne verdrehte und damit den Empfang der Sender verschlechterte bis unmöglich gestaltete. Stichwort Schneegriesel.

… liefen besagte Sender auf klobigen, flimmernden Röhrenbildschirmen. Es kam wirklich noch darauf an, wer den Größten und Schwersten hatte – und nicht den Dünnsten und Leichtesten wie etwa heutzutage.

… war alles pixelig. Fernsehen war pixelig. Computerspiele waren pixelig. Videos waren pixelig. Pornos waren pixelig. Deine Mudda war pixelig. Einfach alles war pixelig.

… wurden Pornos noch heimlich in spärlich beleuchteten Videotheken gegen ein geringes Endgeld auf VHS-Videokassette ausgeliehen, mehrmals hinter verschlossenen Türen genießerischer Mine geguckt und möglichst rechtzeitig zurückgebracht, um kostspielige Überziehungsgebühren zu vermeiden. PornMD, GayBoysTube und Konsorten waren damals noch nicht einmal erdacht; Nineties Kids gelangten allemal über abgegriffene Schmuddelheftchen der Erwachsenen oder via nackter Tatsachen in der Bravo (war so eine Zeitschrift, so aus Papier und so. Kaufte damals jeder, heute eher weniger [siehe auch]) in den Genuss softpornografischer Medien.

… gab es kaum Handys, vor allem nicht für Kinder und Jugendliche. Wer sich mit Freunden treffen wollte, machte das entweder im Voraus via Schule aus oder rief nachmittags per Festnetztelefon an; viele davon mit Tasten, manche gar noch mit Wählscheiben ausgestattet. Mütter und Väter besaßen das Vorrecht, ans Telefon zu gehen – somit kamen wir Kiddies um ein obligatorisches Ründchen Small Talk nicht umher, ehe wir unsere eigentlichen Freunde zu sprechen bekamen.

… standen in jeder größeren Ansiedlung gelbe Telefonzellen herum, oftmals gar mehrere nebeneinander. Sie waren sagenumwobene Heiligtümer der Erwachsenen.

… hatten nur wenige Haushalte Zugang zu diesem neumodernen Internetz. Wer etwas aus diesem futuristischen Medium benötigte, schrieb sich eine Merkliste, rief beim Freund an, vereinbarte ein Treffen, fuhr mit dem Fahrrad und massig Disketten im Gepäck dort hin und lud sich in schnarchender Geschwindigkeit Bilder, Texte und manchmal gar mehrere Megabyte große Minispiele auf besagte Speichermedien herunter.

… schalteten wir zusätzliche Level, Boni und Schwierigkeitsgrade in diversen Games durch bloße Spieltätigkeit frei. Bar jeglicher DLCs.

… erhielten Spiele nach einigen Monaten teils enorm umfangreiche Addons; oftmals mit einer Verdoppelung des bisherigen Spieleumfangs einhergehend. Perlen wie Warcraft 3 sowie Age of Empires 2 wurden erst mit ihren Erweiterungen The Frozen Throne und The Conquerors zu den unvergesslichen Titanen der Spielgeschichte, die sie auch heute nach fast 15 Jahren immer noch darstellen.

… verehrten wir die Zeitschrift GameStar samt Redaktion wie Götter. Neue Ausgaben wurden noch am Erscheinungstag erworben, die Video-CDs erst alleine, dann mit Freunden und letzten Endes erneut mit anderen Freunden zur Gänze durchgeschaut – und die Artikel binnen weniger Tage Stück für Stück bis auf das letzte Wörtchen verschlungen. Unvergessen sind Namen wie Gunnar Lott „Gonnar Lott, Chefredaktür von GameStar“, Fabian Siegismund „Volles Pfund aufs Maul“, Michael Graf „Blut und Morde“, Mick Schnelle, Daniel Matschijewsky „Was bist du denn für ein Zwergengesicht?“, Markus Schwerdtel, Heiko Klinge, Petra Schmitz, Jörg Langer „O Gott, wir werden alle sterben“ und Toni Schwaiger.

… kostete ein Micky Maus-Magazin erst 2,80 DM, dann 3,00 DM, 3,20 DM, 3,40 DM … und heute teure 2,70 bis 3,50 Euro. Ähnlich dem Lustigen Taschenbuch, welches anno dazumal für spottbillige 4,80 DM zu erwerben ward. Heutiger Preis: 5,50 € oder umgerechnet rund 10,75 DM.

… war der Straßenfeger „Wetten, dass..?“ noch gut. Ohne Lanz. Dafür mit unser aller blondem Goldlöcken Gottschalk in Höchstform.

… waren wir ausgesprochen schlecht gekleidet; die 90er ließen mit modisch zerfetzen Lumpen nicht lumpen. Was an und für sich bei genauerer Betrachtung jedoch jegliches „Früher“ von Haus aus mit sich bringt.

… liefen weniger grenzdebile Zeichentrickserien im Fernsehen. Als da auszugsweise waren: Tom & Jerry, Ducktales, Darkwing Duck, Die Gummibären-Bande, Die Schlümpfe, Teenage Mutant Ninja Turtles, Der rosarote Panther, Meister Eder und sein Pumuckl, Mummy Nanny, Familie Feuerstein, Die Dinos, Aladdin und so weiter und so fort. War schon geil. Ist es heute auch noch; es geht nichts über einen trunkenen Abend voller nostalgischer Zeichentrickfilme.

Noch mehr altes Zeugs?

Dir fallen weitere Dinge ein, die in den 90ern und Anfang der Nullerjahre zum Alltag gehörten und heute – oftmals auch aus gutem Grunde – in Vergessenheit gerieten? Dann hau in die Tasten und verpass mir ’ne schnieke Message, ich ergänze den Artikel dann entsprechend 🙂

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