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Die Zeit scheint stillzustehen. Sekunden werden zu Minuten, Minuten zu Äonen – wie aus unzähligen Schnulzenfilmen und schmonzettigen Groschenromanen bekannt. Bis vor wenigen Augenblicken hätte ich einen jeden ausgelacht, welcher mir gegenüber behauptete, dass es solche Momente der Ewigkeit tatsächlich gäbe; indes: ich werde just im Moment eines Besseren belehrt. Die Ewigkeit dauert lange, besonders gegen Ende des Lebens.

Hier stehe ich also, am menschlichen Abgrund, am Ende allen Seins. Ich gucke in sein Antlitz, direkt in seine großen, strahlend grünblauen Jadeaugen. Unsere Nasenspitzen berühren sich keck, unsere Körper; sie sind nackt und fest aneinander gepresst. Wir stehen umschlungen und zugleich Händchen haltend in freier Wildbahn, unsere gesamte Aufmerksamkeit einzig und alleine auf uns selbst gerichtet; die Gegenwart ignorierend, die Umwelt ausblendend, das ferne Donnergrollen überhörend. Meine Lippen berühren die seinigen, und seine umschmeicheln meine. Die gütigen Augen seines Wesens verbreiten einen Ausdruck von Zufriedenheit, Geborgenheit und Glück, sie glitzern und glänzen; kleine Rinnsale salziger Tränen entlaufen ihnen und hinterlassen sanft schimmernde Bettchen melancholischer Feuchtigkeit auf seinen schmiegsamen, pausbackigen Wangen. Sie funkeln mich verhöhnend an, das Licht des herannahenden Unheils bricht sich in ihnen und wirft tänzelnde, orangerote, Unheil versprechende Muster auf sein seliges Gesicht. Doch gleichzeitig anmutig und schön, geradezu surreal in Anbetracht unserer gegenwärtigen Situation; ich tilge ihr Dasein behutsam küssend von der Existenz dieser Welt.

Und spüre seinen lauen Atem in meinem Gesicht und auf meiner entblößten Brust, gleichmäßig und ruhig. Ebenso bemerke ich seinen entspannten Herzschlag, langsam und besänftigend, bumm-bumm, bumm-bumm, bumm-bumm, rhythmisch pochend. Er setzt sich fort durch meinen Korpus, ich nehme ihn in jeder Faser meines physischen Daseins wahr; fühle seine Energie, seinen lieblichen Quell irdischen Lebens, schlage im Einklang mit seinem Puls. Ahne sein rotes Blut durch seine Adern strömen; instinktiv verstärke ich den Druck unserer lauschigen Umarmung, ziehe ihn noch näher an mich heran, umknuddel seine gesamte, in meinen Augen perfekt geformte Statur. Bemerke seine lebhaft brandende Erregung in meinem Schritt – und er mit Sicherheit die Meinige, zweifelsohne. Die Lust, sie zieht von hinten. Ein schelmisches Grinsen umspielt seine reichen Lippen, welche von den Meinigen innig geliebkost und sacht umspielt werden; es ist nur angedeuteter und doch unleugbar präsenter Natur.

Sein entzückter Blick, er spricht Bände, durchbricht alle Barrieren meiner selbst und dringt in mein innerstes Ich hinein; er vermag mich in- und auswendig zu kennen; schaut jeglichen Makel und Schatten meiner selbst. Ein kribbeliges Beben wallt durch seinen stählernen Körper, seine Fingerspitzen zittern, schwitzen; ich streichele sie sanft, erwidere seinen suchenden Druck, schenke ihm das intime Gefühl, ihn niemals loszulassen. Die sinnhafte Zunge seiner selbst, sie ertastet meine, sie kitzelt und streichelt simultan und weckt gar manche Begierden; zeugt von ausgiebig und wohl erlernten Fertigkeiten. Wir gucken uns an, unentwegt, der Mitwelt trotzend. Versuchend, diese kurze Weile reiner, herzlicher Unvergänglichkeit für alle Zeiten in unsere Erinnerungen flauschig einzubetten, uns selbst darin eine heimelige Zuflucht ewigen Lebens zu ermöglichen. Ich rieche seinen Körper, seinen unverwechselbaren Duft. Nehme seinen erregten Schweiß, seine süßen Pheromone, seine fordernde Lüsternheit wahr. Ja; gierig nehme ich Witterung auf, ziehe seinen goldigen Dunst ein, gefolgt von einer nur wenige Atemzüge später stattfindenden, ungleich greifbareren Reaktion meiner sterblichen Hülle.

Ich sauge an seinen prallen Lippen – und er knabbert an den Meinigen. Unsere Nasenspitzen stupsen einander und umturteln die des jeweils anderen. Wir kraulen, tätscheln, schmusen. Eine weitere Träne entspringt seinen unverdorbenen Augen und rinnt den ewigen Gesetzen der Physik folgend dem rauen Erdboden entgegen. Auch ich beginne unweigerlich zu weinen, ungewollt, doch ehrlich; ich weine ob dieses vollkommenen Momentes, ob dem, das war, und dem, das nun folgt. Es sind Tränen der Trauer und der Freude parallel, welche nun ungehindert aus mir hervorquellen und sich mit den Seinigen an den Berührungspunkten unser beider Wangen temporär zu bedeutungsvollen, Geschichten beherbergenden Rinnsalen vereinen. Sanftmut strahlt aus seinem wässrigen Augenlicht; unendliche Liebe und selige Allwissenheit; ihre schier unerschöpfliche Strahlkraft lässt mich verlegen erschaudern.

Sein Körper wird wärmer, seine innere Hitze überträgt sich auf den Meinigen und entfacht auch in mir die Feuer der Leidenschaft; ein letztes mal, wenigstens platonisch. Eine in Anbetracht der Situation irrational erscheinende Anspannung macht sich in meiner Figur breit, kitzelnd stellen sich meine Nackenhaare zu Berge, Gänsehaut ziert mein Äußeres – und warmes Blut schwallt in meine ansehnliche Lende. Ich erlebe sein lechzendes Verlangen, seine zügellose Leidenschaft, seine treibende Lust; so vertraut und doch erquickend wie am ersten Tage. Mein Atem wird schneller, kühlt seine flirrende Brust – und so bewirkt’s der seinige an mir. Stürmisch umkreisen unsere Nasen einander, das Leuchten seiner Pupillen erklimmt exorbitante Höhen, seine knabberten Küsse verwandeln sich in sinnliche Bisse, ertasten meine Lippen, meine Zunge; unsere nackten Gestalten beginnen zu transpirieren; vor Wollust zu dampfen. Harte Nippel berühren einander und erwecken die Meinigen, ich intensivierte unsere Umarmung, presse ihn geradezu unzertrennlich an mich heran.

Ein lustvolles Seufzen entstammt seinem Munde, doch ich nehme es nur am Rande wahr, da er es in den meinen hinein stößt. Rieche seine Lust, seine Hingabe, seine potente Männlichkeit; ich rieche meinen inbrünstig geliebten Mann. Die Frequenz seiner klopfenden Herzschläge nimmt spürbar zu, durchbricht allen seienden Stillstand; sie wummern gegen meinen fiebrigen Körper und bringen diesen in haltlose Wallung. Wehmütigkeit und Gier liegen gleichsam in seinen auf mich gerichteten Augen, ein letztes Feuerwerk unverfälschter Gefühle und Emotionen entwächst ihnen und berührt mich bis ins tiefste Mark. Ich küsse, ich streichele, ich knabbere, ich knuddele; ich liebe ihn – ich liebe ihn.

Ohne Glauben an ihre Dauer wäre die Liebe nichts, nur stete Beständigkeit macht sie groß. Und wir beide wissen, was nun folgt, sind mit uns selbst im Reinen. Ich liebe ihn, kenne ihn, verstehe ihn, ich bin er, er ist ich – und lasse mich innerlich fallen. Der Tod lächelt uns beide an; und das Einzige, was wir machen können, ist, zurückzulächeln.

Schmetterndes Getöse und markerschütterndes Fauchen umschlingen unsere blanken Leiber, brüllende Hitze und feurige Glut. Die Pforten der Hölle öffnen sich, springen aus ihren Angeln; gleißendes Licht und grellende Apokalypse vermummen unsere liebenden Wesen. Die Hoffnung in seinen Äuglein erstarrt jäh, sie quellen bedrohlich an, weißer Dampf steigt von ihnen auf. Seine Tränen vertrocknen und hinterlassen krustige Salzspuren auf seinen rundlichen Wangen. Die Augen kochen, blubbern, sein wuscheliges Haar fängt brausend Feuer, seine Wangen platzen auf, ein blutiges, filigranes Netz zerfetzter Haut bricht aus seinem formschönen Gesicht hervor. Meine Lippen werden spröde, werden rissig, zerbrechen; verquirlen mit den Seinigen zu einem matschigen, aufgedunsenen Fleischgemenge. Mein soeben noch schwitzender Körper steht in glühenden Flammen, und so auch der Seinige; wir brennen aus, statt langsam zu verblassen. Zum Geruch seiner sinnlichen Figur gesellt sich nun der süßliche Gestank verbrannten Menschenfleisches. Der Mief beißenden Rauches und schwelenden Qualms. Unser beider Blut trieft in dickflüssigen Strömen aus den Wunden unserer geschundenen Leibern herab und verdampft noch, bevor es den erweichenden Boden erreicht. Die Fetzen seines zerrissenen Gesichtes beginnen zu kokeln, ihre Ränder werden schwarz, sein roter Lebenssaft gerinnt; verflüchtigt sich kochend. Gnadenlose Hitze dringt von außen auch in meine Hülle ein, durch jede Öffnung, durch jede Spalte; frisst sich durch meine Eingeweide; labt sich an meinem nahrhaften Material, hinterlässt eine verbrannte Spur der Vernichtung.

Wir brennen, wir lodern. Zwei blendende Flammen im Zentrum des Chaos; unsere Fratzen zu tönendem Kreischen entartet. Seine Haut, ja sein fahles Fleisch schält sich von seinem gemarterten Wesen, seine erschrocken platzenden Augäpfel verdampfen noch vor den Meinigen. Gellende Schmerzen durchtosen meinen eigenen Körper, Höllenqualen, blanker Pein, ich will, dass es aufhört, ES SOLL BITTE AUFHÖREN, AAHHHHHH, STOPP! Versuche zu schreien, doch im selben Momente erfüllen züngelnde Flammen meine eisernen Lungen, ersticken die grotesken Worte im Keime, vernichten alles Leben, verdampfen meine Innereien. Funken stieben uns ums herum, fauchende Flammen züngeln aus seinen fahlen Augenhöhlen, seiner zerfließenden Nase, seinem zergehenden Munde.

Seine ehemals strahlenden Zähne, sie zerspringen erst klangvoll, dann schmelzen sie. Vereinigen sich mit der Schmelze meiner eigenen zu gurgelnder, siedender Lava; fressen sich durch unsere Rachen; schneiden sich in unser beider Gebeine. Das kochende Fleisch unserer Organismen grillt, verbrennt, pellt sich von unseren Leibern, bröckelt und zerfällt zu Kohle und Asche. Ich sehe die Knochen seines Gerüstes, nehme war, wie sie sich aus seiner fleischlichen Ummantelung herausschälen, spröde werden, beim Trocknen quietschen, letztlich brechen und unbarmherzig zu Staub zermalmt werden.

Mein stechendes Augenlicht schwindet dahin, ich sehe Feuer, spüre gellende Schmerzen; sie durchzucken meine sterblichen Überreste; kreischende Folter, TOBENDE QUALEN; LEIDEN IN REINGEBURT; der Lärm brüllt zu mir: Ich bin das Schwert, ich bin die Flamme, ICH BIN DER TOD. Die Luft um uns brennt; die Natur brennt, der Boden brennt, und wir brennen. Mein Gehirn kocht, verdampft, zerfällt zu bestialischer Asche; das Schmerzzentrum wütet und stürmt – KURZSCHLUSS!

Ein letzter verheißender Funke, ja ein letzter verirrter Gedanke entspringt dem geplagten Ich, bahnt sich seine Wege gen scheidendem Bewusstsein; während meine skelettierte, schwarze Hand weiterhin die Seinige fest umgriffen hält und unsere sterbenden, von brausenden Flammen aufgezehrten Körper knackend und brutzeln aneinander gelehnt zu Schlacke zerfallen:

„Nun, geliebter Jean, nun sind wir unumstößlich eins. Für immer und ewig … ich liebe dich!“

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