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Freitag, 21. März 2014, zur fiebrigen, wochenendvorfreudigen Mittagszeit im sonnigen Frankfurt am Main. Mein bis dato geliebter Niels wirft unsere kinderlose Beziehung nach zwei langen Jahren spontan und bar jeglichen Rechtfertigungskommentars eines vollgefeuchteten Taschentuches von dannen. Via kostenloser Chatnachricht. Schluss, aus, vorbei, verpiss dich, BÄM!

Zittern, Fassungslosigkeit, dann ein nervlicher Zusammenbruch samt stechender Heulkrämpfe und damit einhergehendem oralen Auswurf der untertags zu mir genommenen Nahrungsmittel sind die kurzfristigen Folgen jener Chatzeilen. Mein in jeglicher Hinsicht auf unsere simultane Beziehung ausgelegtes Leben zerbarst binnen weniger Bits und Bytes einer adretten Champagner-Pyramide im Zentrum Ground Zeros, der dem Untergang geweihten Abwurfstelle einer thermonuklearen Bombe, in alle Himmelsrichtungen.

Niels ward der bislang leidenschaftlichste, innigste, ehrlichste Mann an meiner Seite gewesen; ein wahrer Gentleman und Lebensgefährte, wie er in manchem romantischen Buche schwärmerisch umschrieben wird. Unserer aufrichtigen Liebe und gegenseitigen Treue war ich mir sicher; bereit, unter mein bisheriges Leben einen geschwungenen Schlussstrich zu ziehen und meine Zukunft vollends seiner erhabenen Großartigkeit zu widmen. Entsprechend kehrte ich meiner geografischen Herkunft den Rücken. Sprach Familie und jahrelangen Freunden ein herzliches „Lebet wohl“ aus. Legte meine mit vielen Freiheiten einhergehende Selbstständigkeit als Webentwickler aufs Eis und suchte mir nicht ohne innerem Kampf eine ortsgebundene Festanstellung. Ich zog fortan in das turbulente Haus seiner Eltern und hielt von dort aus letztlich gar sieghaft nach einer lebenswerten Bleibe für eine zweisame, glückliche Zukunft ausschau.

Ich steckte mir hehre Ziele. Immer und jederzeit, obgleich in guten wie in schlechten Tagen für ihn da zu sein, selbstredend. Ihm neben Liebe, Geborgenheit und Wärme auch Schutz und Sicherheit, sowohl physischer als auch psychischer Natur, darzubieten. Und er danke mir dies mit leidenschaftlicher Liebe, körperlich als auch geistig – und spendete im Gegenzug ebenso massig Wärme, Geborgenheit und oftmals auch empfindsam Trost. Niels ward Zeit unserer Beziehung ein Mann wie kein anderer; wenngleich gelegentlich insgeheim der Ausübung einer liebenswerten Frauenrolle verfallen. Lächelnd. Aufmunternd. Intelligent. Gewitzt. Kreativ. Voller Lebensfreude. Gut zu Vögeln. Und gut zu Leines, seiner Katze. Eigentlich gut zu allen Lebewesen, sofern sie ihm Respekt entgegen brachten und harmlose Beleidigungen jeder Art unterließen.

Und wir liebten uns. Tag und Nacht, wochentags und wochenends, zu Hause und bei Freunden, ohne Unterlass von früh bis spät. Er war diese Sorte Mann, mit der ich abends eng umschlungen knuddelnd einschlief – und morgens kuschelnd und nach wie vor umschlungen wieder aufwachte. Voneinander abgewendet erwachend, wie es bei anderen Pärchen gang und gäbe ist, war eine extrem sporadische Seltenheit; lediglich alle Jubeljahre auftretend. Er konnte grausam sein. Verletzend. Vernichtend. Ließ sich nichts vormachen, hintergehen oder betrügen. Wer dies dennoch wagte, bekam eine volle Breitseite Eiseskälte und gerechten, niemals jährenden Zorn zu spüren.

Auch ich lernte diesbezüglich dazu. Begriff unter so manchem theatralischen Tränenfluss, in seiner Gegenwart ausschließlich erst zu denken und alsdann geflissentlich zu handeln. Ich wurde erwachsen und wuchs an meiner Verantwortung. Wobei wir letzten Endes seit Anbeginn unserer Beziehung erwachsen wirken MUSSTEN; erwachsen und ungemein stark. Rückblick: Anno dazumal verkuppelte uns ein sehr guter Freund unserer beider Wenigkeiten. Via Skype. Ernsthaft jetzt. Schon wenige gesprochene Worte reichten zur Genüge aus, um beidseitig das prasselnde Feuer der Liebe auflodern zu lassen. Um Gefühle hervorzurufen, welche wir beide so unendlich lange missten. Wir verstanden uns aus dem Stegreif heraus eins a, entdeckten Gemeinsamkeiten, lernten uns kennen und verknallten uns von Tag zu Tag mehr. Gefühlte hunderte Stunden erregender Gespräche und bildgeschwängerter Camstreams flossen ins Land. Bis wir uns eines Abends von Webcam zu Webcam unsere gegenseitige Liebe gestanden und beschlossen, uns endlich persönlich, physisch kennenzulernen [siehe auch].

Unsere Liebe und Begierde loderte in der Folge über Wochen hinweg sehnsuchtsvoll aus der Entfernung, wir traten jeden Tag in Kontakt und zählten ungeduldig die scheußlich bummlig verrinnenden Sekunden bis zum Tag der ultimativen Offenbarung.

Und jener Tag brach an. Der Freund, welcher uns verkuppelte, bot mir nicht weit von Niels entfernt eine feste Bleibe für mehrere Wochen und uns beiden ein eigenes, apartes Zimmer samt großem Bette und die Option auf freie Fahrdienste via Auto an. So erreichte ich also Frankfurt am Main, wurde abgeholt und direkt zum mit Niels vereinbarten Treffpunkt gefahren. Das Wetter spielte mit, es war sonnig und heiß. Hochsommer in Vollendung. Ich kam zu früh. an. Und man, war ich aufgeregt. Nervös. Verliebt. Und notgeil.

Als er dann schließlich ebenfalls unseren Treffpunkt erreichte, erkannten wir beide auf Anhieb klar vor unserem Geiste: Läuft. Liebe. Sehnsucht. Partnerschaft. Der Abend entwickelte sich himmlisch. Wir tuschelten und spazierten durch warme, sommerliche Landschaften, hielten Händchen (was uns beide spürbar erregte), ich packte Banane und Kondom aus, um aufgrund eines vorangegangenen Running Gags Niels Kenntnisse hinsichtlich Verhütung zu überprüfen – nicht wissend, dass wir beides nie wieder benötigten – und wir vollzogen sogar recht unerwartet unseren ersten richtigen, intensiven Hollywoodkuss. Unter sternenklarem Himmel, auf einer einsamen Aussichtsplattform mit Blick auf die flirrenden, golden funkelnden Lichter Frankfurts und bei angenehmen Sommernachtstemperaturen redete Niels damals ohne Punkt und Komma recht verlegen um den offensichtlichen heißen Brei herum. Gab nerdiges, monotones Computer-Know-how von sich. Hardware, sein Faible. Er blieb sachlich, wenngleich Mimik, Gestik, Stimme und Blicke pures Verlangen ausstrahlten. Bis ich die knisternde Anspannung nicht weiter ertrug, ihm den Zeigefinger auf die Lippen legte, „PSSST“ flüsterte, in seine vom güldenen Lichterglanz der Großstadt erleuchteten Augen guckte, an mich heranzog und innig küsste. Die Zeit stand still, unsere Herzen hielten gebannt inne, der warme Wind spielte frecht in Hemd und Haaren, strich uns zart über die glühende Haut, Grillen zirpten erpicht – und wir waren eins.

Einen solch perfekten Moment durfte ich bis dahin noch nicht erleben. Wow. Was ne Wucht! Die nächsten Tage setzten sich aus Liebe, Glück, Freude, Freiheit und Spaß in Vollendung zusammen. Rosa Brille, Schmetterlinge en masse, überschäumende Hormone und die edelsten aller Gefühle. Wir verbrachten die schönsten, geilsten zwei Wochen unseres jeweiligen Lebens. Bis sich dann abrupt eben jener Freund, der sich rührselig um uns kümmerte und bei dem sich ein Großteil unserer gemeinsamen Zeit abspielte, dazu entschloss, sich mit Benzin zu übergießen, anzustecken und kurz daraufhin seinen Leiden zu erliegen [siehe auch]. Von jetzt auf gleich ward unsere Regenbogenzeit via Faustschlag ins Gesicht beendet gewesen. Wir mussten erwachsen sein. Trost und Kraft spenden. Einen klaren Kopf bewahren und uns gegenseitig stützen sowie beschützen. Wie ein eingespieltes Pärchen nach vielen Jahren des gemeinsamen Zusammenlebens.

So fing alles an. Tendenziell extrem. Und so sollte es auch bleiben. Extrem und erwachsen. Ich wohnte in der Folge für einige Monate in der Dachgeschosswohnung einer Freundin bei Frankfurt, immer in Niels Nähe. Pendelte anschließend zwischen Süddeutschland und Hessen. Und zog nach einem von ihm verordneten Polizeibesuch – da ich mich nicht meldete und er sich Sorge um meine Wohlergehen machte – vom geografischen Zuhause endgültig aus, überwand geschwind die uns trennende Distanz von rund 450 Kilometern und schlug meine Zelte im Haus seiner Eltern und dort mit ihm gemeinsam in seinem kleinen, heimeligen Zimmer auf. Wir hatten geilen Sex. Fuhren verhältnismäßig lange Fahrradtouren. Zockten gemeinsam und gegeneinander am PC; Minecraft, Starbound, Terraria, Cubeworld, Anno 2070 und Konsorten. Spielten durch die greifbare Weltgeschichte flanierend Googles Ingress. Kochten… nun, nennen wir es einmal „kreativ“. Besuchten Kino und Restaurants, Freunde und Städte. Lernten gegenseitig Familie und in meinem Fall gar seine gesamte Verwandtschaft kennen. Wir planten unsere Zukunft, unser Leben, unsere eigene kleine Familie. Wir waren in jeder Hinsicht Lebensgefährten.

Doch die wohnliche Situation im gefühlten Schwiegerelternhause nagte an unser beider Nerven – saßen wir doch Tag und Nacht aufeinander. Beiden blieb uns ein Rückzugsort, ein ruhiger Raum zur persönlichen Entfaltung, verwehrt. Hinzu kam, dass sich Eltern, Geschwister und Verwandte gegenseitig die Türklinke in die Hand reichten. Nett waren sie, jedoch verhinderte deren permanente Anwesenheit die korrekte Ausführung einer fruchtbaren Beziehung. Wer schon einmal gezwungenermaßen still und möglichst heimlich vögelte, und dies über Monate hinweg, vom Flüstern gar nicht zu reden, mag nachvollziehen können, was ich meine. Unsere Wohnsituation war gelinde gesagt mies. Nun fanden wir letztlich jedoch eine eigene Wohnung. Nicht theoretisch, sondern praktisch. Unsere eigenen vier Wände, unser Zuhause, unsere intime Privatsphäre. Unsere gemeinsame Wohnung, welche einem zwischenmenschlichen Heilmittel gliche.

Schon alleine die Tatsache, dass wir gemeinsam für unser Wohl verantwortlich wären, stärkte unsere Beziehung – und die neu gewonnenen Freiheiten auch unsere Liebe. Wir hätten jede ersponnene Idee in die Tat umgesetzt. Nachts um drei Cookies backen? Immer! Freunde einladen mit Übernachtung und Happy End? Gar kein Problem! Den ganzen Tag lang nackt gemeinsam Starbound zocken mit prickelnden Pausen? Klar! Den Staubwedel schwingen und gemeinsam die Butze auf Hintermann, Verzeihung, Vordermann bringen mit nachträglicher schmutziger Belohnung? Alltag! Gemeinsam genau das einkaufen, das wir auch genussvoll vertilgen? Standard! Fahrradtouren, Ausflüge und Unternehmungen in Frankfurt? Kein Ding, Straßenbahn, Busse und S-Bahn halten direkt vorm Haus. All dies verkörperte unser beider Zusammenleben. Und noch vieles mehr. Alles. Wir wären in unserem Handeln und unseren Entscheidungen frei gewesen, nur uns zwei gegenüber verantwortlich. Wir hätten uns geliebt! Man, es wäre so schön geworden …

Stattdessen traf sich Niels zuletzt – selbstredend nur auf „freundschaftlicher“ Basis – mit anderen süßen Schwuppen; blieb dort über Nacht. Knuddelte jedoch auch weiterhin mit mir. Und beendete dann spontan besagten Freitag Mittag via Chat unsere Beziehung. Harter Fist. Freute ich mich doch morgens noch auf sein Lächeln, seine Küsse, seine Wärme. Pustekuchen! Ich betrank mich noch am selben Abend mit meiner besten Freundin. War fertig mit der Welt. Und heulte, bis keine Tränen mehr kamen und ich mir infolge des damit einsetzenden Juckens die Augen blutig rieb. Ich aß tagelang kaum etwas, denn mir ward der Appetit vergangen; abgesehen davon, dass sich jegliche feste Speise sogleich wieder den Weg in die Freiheit bahnte. Ich ritzte. Wollte Schluss machen, endgültig. Landete nüchtern in der Ausnüchterungszelle der örtlichen Gendarmerie, zur Überwachung. Nerven und Geist kollabierten angesichts dessen, circa alle zwei Jahre vor einem rauchenden Trümmerhaufen stehen zu müssen. So fühlen sich gebrochene Herzen. Wobei weniger gebrochen, als bei lebendigem Leibe mit glühendem, narbigen Stahl durchstochen, aus dem Körper gerissen, zerstückelt und an fiese Ratten verfüttert. Eine Mische aus Darth Vader, Lord Voldemord und Sauron. Ich vermochte mein Wesen nicht mehr länger einzuschätzen, trat in den Hintergrund und wurde externer Beobachter meiner selbst. Ich sehnte mich mit jeder Faser meines geschundenen Körpers danach, jegliche Gefühle für immer schweigen zu lassen. Erinnerungen zu vernichten. Den Reset-Knopp zu drücken. Termination. Verbrannte Erde. Schrille Schmerzen. Und dann Stille.

Ich hurte durch Frankfurt. Lud diverse Sexdates zur rein körperlichen Ablenkung in meine triste Wohnung ein. Wurde beherrscht. Und wiederholt bewusst schmerzlich daran erinnert, dass meiner leeren, kalten Hülle nach wie vor zerrüttetes Leben innewohnt. Erhielt tagelangen Besuch von meinen vorherigen beiden Exfreunden. Entdeckte in Vergessenheit geratene Gefühle für einen von ihnen und kam mit eben jenem Ex gänzlich unvorhergesehen erneut zusammen. Er stand mir bei, nahm den verletzten, verängstigten Krony bei seiner Hand – und bot einen mit Regenbogen untermalten Silberstreif am fernen Horizont.

Die größte Enttäuschung der letzten sechs Wochen ward jedoch der Tatsache geschuldet, dass mein jüngster Ex feigherzig aufgab. Oder sich überreden ließ, entsprechend zu handeln. Fünf Zentimeter vor dem ersehnten, gemeinsam erarbeiteten Ziel. Fünf Zentimeter davor hielt er inne, machte kehrt und ließ mich alleine und damit im Stich. Er gab dem „wir“ in unserer Wohnung noch nicht einmal den Hauch einer Change. Schlimmer noch, ich dachte, ward der felsenfesten Überzeugung, sein Wesen zu kennen. Jedoch besaß Niels nicht einmal die Ehre respektive den Hauch von Mum, mir von Angesicht zu Angesicht zu sagen, dass es vorbei sei. Stattdessen erntete ich von jetzt auf gleich nur noch Verachtung, Ekel, Kälte und Stille. Wohl wahr, dass er die überzeugende Verkörperung eines kleinmütigen Wichsers beherrscht, ward mir neu gewesen. Dies stellt leider die letzte Erinnerung dar, welche mir ob seiner nun zusehends schwindenden Präsenz im Herzen innewohnt.

Ich liebe Niels. Noch. Jedoch zusehends schwächer. Und eines Tages wird eben jene unsterbliche Liebe wie jedes klanglos in der Unendlichkeit verhallende Signal den Ereignishorizont erreichen. Nicht mehr wahrnehm sein. Die Liebe verliert sich im Nichts. Doch es muss weitergehen. Es geht weiter. Und es wird weitergehen. Chacka!

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