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Zwischen Nord- und Südkorea kriselt es. Wieder einmal. Nach einem Seegefecht im letzten Jahr geht das südkoreanische Militär mittlerweile davon aus, dass das kürzlich durch ein Torpedo deutscher Bauart versenkte Schiff der südkoreanischen Marine mit 46 Toten ein Racheakt der nordkoreanischen Armee gewesen sei. Nordkorea lässt wieder einmal auf internationaler Bühne provokativ die aufgeblasenen Muskeln spielen. Derzeit erhitzt sich die Situation hierzulande vor allem wieder einmal durch unsere – Achtung, Sarkasmus – hervorragenden Massenmedien. So titelte die Bildzeitung unlängst „Versenktes Schiff – Nordkorea droht mit totalem Krieg“. Ach, wie ich diese sachliche Berichterstattung liebe. Außerdem ist Folgendes – nur so nebenbei erwähnt – wirklich fragwürdig: Deutschland hat ein Waffenembargo gegen Nordkorea. Wie kommt also ein deutsches Torpedo nach Nordkorea? Nun ja, zurück zum Thema:

Fakt ist, dass Nordkoreas Regierungschef Kim Jong-il die Weltöffentlichkeit gerne provoziert, um einerseits von der desolaten Lage seines totalitären Systems abzulenken und um andererseits mittels dreister Erpressung weitere finanzielle und materielle Hilfslieferungen für das bitterarme Land zu ergattern. Da droht selbiger gerne auch mit Krieg gegen seinen südkoreanischen Nachbarn und scheut – sowohl heute wie auch in der Vergangenheit – nicht vor zivilen Opfern zurück. Vielleicht brennt dem Regime in Nordkorea derzeit auch das Feuer unter den Nägeln, verursachte doch die missglückte Währungsreform Ende letzten Jahres beinahe Unruhen und Aufstände in der eigenen, leidgeplagten Bevölkerung. Neue Machtdemonstrationen müssen her, das Volk, so könnte man fälschlicherweise meinen, lechzt nach Erfolgsberichten. Und so wettert und zürnt der greise, stets im Schlafanzug gekleidete und irrwitzig größenwahnsinnige Präsident wohl auch in Zukunft weiter. Auf die jüngsten südkoreanischen Mitteilungen, dass deren Marine mit dem Bündnispartner USA in nächster Zeit marine Militärübungen abhalten will, konterte die nordkoreanische Propaganda zugleich mit „Verzweifelte gemeinsame Militärübungen der US-Imperialisten und der Kriegsfanatiker der südkoreanischen Marionettenarmee“. Das nordkoreanische Volk wächst in einer völlig abgeschotteten, isolierten Welt auf und lernt von Anfang an, dass der Westen und vor allem Südkorea teuflische Barbaren sind. Traurig, dass es überhaupt so weit kommen musste. Sind Nord- und Südkoreaner doch eigentlich Brüder, Angehörige des gleichen Volkes.

Einst war Korea ein geeintes Land. Bis 1910 lebte das Volk friedlich unter einer Flagge zusammen, stolz auf eine Jahrtausende alte Kultur zurückblickend. Anno 1910 wurde Korea als Kolonie in das japanische Kaiserreich eingegliedert, aus der es erst Ende des Zweiten Weltkrieges entronnen konnte. Gleich darauf wurde es rigoros am 38. Breitengrad getrennt, der nördliche Teil fiel unter sowjetische Herrschaft, wohingegen der südliche durch eine amerikanische Übergangsregierung recht schnell wieder in die Unabhängigkeit entlassen wurde. So entstanden – salopp zusammengefasst – die beiden heutigen Staaten, die „Demokratische Volksrepublik Korea„, also Nordkorea und das südliche Pendant, die „Republik Korea„. Seit dem entwickelte sich Südkorea zu einem der technologisch am weitesten entwickelten Staaten dieser Erde, manche für uns noch futuristisch anmutende Technologien gehören dort bereits zum Alltag. Der Norden hingegen stagnierte absolut, das Land verarmte und isolierte sich vom Rest der Welt ab, es ist der letzte, mit eiserner Hand geführte stalinistische Staat dieser Erde. Der Einzelne hat keinerlei Wert, alles gehört dem Staat – also der Partei. Während das der Rechte beraubte Volk weiterhin darbt und hungert, steigern sich die nordkoreanischen Führungsfanatiker in größenwahnsinnige Projekte wie der nuklearen militärischen Aufrüstung oder des eigenen Satellitenprogramms rein.

Eine Wiedervereinigung der beiden weiterhin auseinanderdrifteten Länder scheint ferner denn je. Denn aller Konflikte und politischer Geplänkel zum Trotz – an einem totalen Zusammenbruch Nordkoreas kann sowohl Südkorea als auch allen anderen Nachbarländern nichts gelegen sein. Dafür sprechen viele Faktoren, zu viele eigentlich. Zum einem erst einmal der finanzielle Aspekt: Nordkorea hat circa 24 Millionen Einwohner, die in absoluter Armut leben. Westliche Technologien, Unterhaltungsgeräte, Autos, ja sogar einfache Grundbedürfnisse wie Strom und Wasser sind nur sehr rar gestreut und fallen regelmäßig komplett aus. Eine funktionierende Infrastruktur fehlt ebenso wie eine ausreichend und vor allem weltoffen gebildete Bevölkerung. Die Landwirtschaft bewegt sich auf dem Entwicklungsstand des europäischen 20ten Jahrhunderts. Die militärischen Gerätschaften sind hoffnungslos veraltet, Innovationen oder gar eigene moderne Produktionsstätten fehlen komplett. Das Internet kennen nur einige wenige auserwählte Regierungsanhänger, ein funktionierendes Handynetz existiert in diesem Land bislang ebenso wenig wie die Möglichkeit, hochwertiges Fernsehen oder gar Zeitungen anzubieten. Ein Land auf dem Stand der 50er Jahre des letzten Jahrtausends, Teils sogar noch älter.

Die ehemalige DDR erscheint neben Nordkorea wie ein moderner, funktionierender und reicher Staat. Ein Wiederaufbau Nordkoreas würde den Süden Milliarden und Abermilliarden US-Dollar kosten, die wirtschaftliche Stabilität des Südens stünde auf der Kippe. Ohne großzügige Unterstützungen anderer westlicher Staaten ließe sich der desolate Norden nicht stabilisieren, es drohte gar ein Umkehreffekt, also eine allgemeine vorübergehende Verschlimmerung der ortsansässigen nordkoreanischen Bevölkerung. Unruhen und Aufstände wären die Folge. Ein Wiederaufbau – das steht fest – kostete Unsummen und nähme viele, viele Jahrzehnte in Anspruch.

Dann kommt der nächste große Negativfaktor, der gegen eine Wiedervereinigung spricht: Die wirtschaftliche und militärische Weltmacht China. Einerseits fürchtet China unkontrollierbare Flüchtlingsströme aus einem zusammengebrochenen Nordkorea in das eigene Land, andererseits gibt es da das Problem der militärischen Kooperation Südkoreas. In Südkorea sind – sowohl zum Schutz des Staates als auch als Machtdemonstration gegenüber China – mehr als 28.000 perfekt ausgerüstete US-Soldaten stationiert. Und Südkorea hat noch einmal ein stehendes, modernes Heer von 670.000 Soldaten. Würde Korea nun wiedervereinigt werden, stünden diese Soldaten das erste Mal seit vielen, vielen Jahrzehnten direkt an chinesischen Grenzen. Man stelle sich nur mal vor, US-Soldaten und westliche Einflüsse in Sichtweite zu China. Klar, dass der gelbe Drache davon nicht sonderliche begeistert wäre. Südostasien ist und soll auch in Zukunft eine chinesische Einflusszone bleiben, Amerikaner und der kapitalistische Westen sollen weiterhin außen vor bleiben.

Der dritte große Punkt, der gegen eine Wiedervereinigung spräche, wäre Japan. Sicher, Südkorea und Japan verfügen in heutigen Zeiten über ausgeglichene und nahezu freundliche diplomatische Beziehungen, aber in Japan herrscht immer noch eine auf kleiner Flamme lodernde Wut gegen Korea vor. Gehört dieser riesige Landstrich doch in den Augen vieler alter und – erschreckenderweise auch vieler junger Japaner in Wirklichkeit der japanischen Republik zugesprochen. Zwei untereinander verfeindete und dadurch relativ geschwächte koreanische Staaten stellen keine augenscheinliche Gefahr dar, was aber, wenn in Japans Westen ein neues, wiedererstarktes Korea entstünde? Möglicherweise mit aus nordkoreanischen Zeiten stammender Atomwaffentechnologie? Nein, Japan mag noch so friedlich und diplomatisch wirken, aber das würde mindestens einen politischen Eklat auslösen, wenn nicht sogar mehr.

Und zu guter Letzt bleibt die Frage, ob Nord- und Südkoreaner nach so vielen Jahren der Propaganda und Trennung eine Wiedervereinigung überhaupt selber begrüßten. Vielleicht sträubte sich das Volk selber davor, stünde einem vereinten Korea im Wege. Könnte ja durchaus sein. Eine Option wäre, dass Nordkorea zusammenbricht und eine demokratisch und westlich geprägte Staatsform an dessen Stelle träte, in enger wirtschaftlicher und militärischer Kooperation mit Südkorea. Zwei voneinander unabhängige, westlich orientierte Staaten, die dennoch zusammenarbeiten und ein großes Ganzes darstellen. Na, was meinst du – ist der Traum eins wiedervereintes Korea realistisch? Oder siehst du die Zukunft der beiden Staaten in einem völlig anderen Licht? Ich freue mich auf ausufernde Diskussionen 😀

4 Kommentare

  1. 'n Mädel
    Artikulierte

    Worum genau geht es in dem jetzigen Konflikt zwischen Nord- und Südkorea? Ich habe die Strategie Nordkoreas noch nicht begriffen.
    Wie genau kann man „mittels dreister Erpressung weitere finanzielle und materielle Hilfslieferungen für das bitterarme Land“ ergattern ?? Da macht doch niemand mit?

    • Krony
      Quasselte

      Hallo erstmal,

      interessant zu lesen, wie sich Geschichte in und um Nordkorea wiederholt – schrieb ich diesen Artikel doch bereits vor drei Jahren. Nun, grundsätzlich stellt die derzeitige aggressive Propaganda Kim Jong-uns gegen den Westen nichts Außergewöhnliches dar, das fand so bereits regelmäßig unter der Herrschaft seines Vaters Kim Jong-il sowie dessen Vaters Kim Il-sung statt. Rhetorische Manöver dieser Art hatten in der Vergangenheit in der Tat unter anderem die Erpressung von finanziellen und materiellen Hilfsgütern zum Ziel. So versprach beispielsweise Kim Jong-il mehrfach die Schließung diverser nukleartechnischer Anlagen sowie die Pausierung des unleidigen Atomprogramms – und verlangte im Gegenzug hunderttausende Tonnen Grundnahrungsmittel für die Bevölkerung Nordkoreas. Die westlichen Staaten lenkten in besagten Fällen gerne ein, materielle Lieferungen waren im Gegensatz zu sonstigen unüberlegten Handlungen Nordkoreas das kleinere Übel. Ähnelt frappierend der Besänftigung eines quengelnden Kleinkindes per Lolli.

      Bezüglich der jetzigen Krise hingegen vermuten Experten, dass das eigentliche Ziel nicht in einem möglichen Krieg, sondern lediglich in der Festigung der Autorität des außergewöhnlich jungen Kim Jong-un liegt. Dieser muss sich damit sozusagen sowohl in seiner Bevölkerung als auch unter den mächtigen Militärs seines Landes als starker, eiserner Führer beweisen. Sind doch viele der Kim Jong-un untergebenen Minister und Generäle mehr als doppelt so alt wie er. Das ganze Theater gleicht ergo auf perfider Art und Weise einer Reifeprüfung und / oder Mutprobe.

      Lächerlich? Womöglich. Viele Regierungen nehmen dieses stetige Säbelrasseln daher schon gar nicht mehr wahr, sie haben sich schlicht und ergreifend daran gewöhnt. Provokation folgte auf Provokation, und das über viele Jahre hinweg. Es gilt das bekannte Motto: Hunde, die bellen, beißen nicht. Und noch mehr Provokation wie im aktuellen Fall wird auch kaum mehr möglich sein, die Krise wird sich daher nach und nach in Luft auflösen … wobei, vielleicht auch nicht. Siehe hier – mit großem Augenzwinkern: Nordkorea droht mit ultimativer Drohung, falls Welt Drohungen nicht ernst nimmt 🙂

      Provokante Grüße, Krony

  2. 'n Mädel
    Formulierte

    Tut mir leid, hatte da wohl nicht auf das Datum geguckt. Ich wollte nur recherchieren und bin auf deine Seite gestoßen.

    Das heißt also du denkst, es wird nur geblufft, bzw, alle anderen Staaten nehmen das an.
    Wäre das nicht fatal, sollte das Drohen nicht Ernst gemeint sein? Aber selbst dann, würde Nordkorea nichts gewinnen.

    Also hat es sich wohl erübrigt 🙂

    • Krony
      Besprach

      Huhu 🙂

      Nun, große Armee hin oder her – Nordkorea gewänne so oder so nichts. Die neuesten Nachrichten aus Nordkorea lassen allerdings tatsächlich den bereits erahnten Rückschluss zu, dass der Höhepunkt internationaler Provokationen überwunden sei. Bot Nordkorea doch dieser Tage einen ersten vorsichtigen Schritt in Richtung Verhandlungen an. Selbstredend erst einmal mit gewagten Bedingungen und schwammigen Versprechen – darunter aber auch dem Hinweis, dass Nordkorea durchaus auch zu atomaren Abrüstungsgesprächen bereit sei. Selbstredend nur für Gegenleistungen wie dem Ende der aktuellen Sanktionen und vermutlich auch gegen Bares und Hilfsgüter. Siehe hierzu: http://sz.de/1.1651890. *Seufz* … Same procedure as every year, James!

      Ein genialer Schachzug wäre hingegen tatsächlich, die Welt unaufhörlich mit Drohungen zu bombardieren – bis niemand mehr auf Nordkorea achtete und das unentwegte Zetern ausblendete. Dann urplötzlich tatsächlich beispielsweise Südkorea anzugreifen überrumpelte vermutlich die gesamte Weltöffentlichkeit. Dies bedeutete jedoch im gleichen Zuge aufgrund der massiven Reaktionen von Russland, den USA und China den endgültigen Untergang Nordkoreas. Ein Abgang mit „Bums“ sozusagen. Doch ich vermute, dass die aktuelle, medial aufgebauschte Krise tatsächlich auf das gewohnte Schema F hinauslaufen wird ^^

      Knicks und Handkuss, Krony

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