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Wir schreiben das Jahr 2012. Noch immer müssen Homosexuelle – Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender – gegen Homophobie und um Gleichberechtigung ringen. Nicht nur in augenscheinlich nicht ganz so demokratischen Entwicklungsländern, sondern auch hierzulande. „Halt, wie jetzt?“, wirst du möglicherweise entgegnen, „Es ist doch alles in Butter; ja in bester Ordnung!“ Doch dem ist leider bei Weitem noch nicht so. Bis unsere gesamte Gesellschaft Homosexuelle als gleichberechtigte Menschen wie dich und mich, die auch nichts anderes als frei leben sowie lieben wollen und sich ebenso nach Wärme und Geborgenheit sehnen, akzeptieren, ist es scheinbar noch ein weiter, steiniger Weg.

„Du Schwuchtel!“ und ähnliche Beschimpfungen stellen unter den deutschen Jugendlichen die gängigsten Beleidigungen dar. Alles Miese ist schwul! Und im englischsprachigen Raum entsprechend gay. Jungen Homosexuellen fällt es nach wie vor verdammt schwer, sich öffentlich zu ihrer Sexualität zu bekennen – aus Angst vor Diskriminierung, Ablehnung unter Freunden und Familie sowie psychischer und physischer Gewalt. Die Suizidrate unter jungen Schwulen und Lesben ist dementsprechend auch vier- bis siebenmal so hoch wie unter gleichaltrigen Heterosexuellen. Neben dem allgemeinem Druck fehlt es hier an Aufklärung und Ansprechpartnern – Einsamkeit bricht auf Dauer das stärkste Wesen. Und wagt es ein schwules Pärchen zu deutschen Landen doch einmal, sich öffentlich zu küssen, zieht es automatisch die Aufmerksamkeit und den Missmut anderer Passanten auf sich. Halblaut zwischen den Zähnen herausgezischte, abwertende Kommentare oder anspucken können hierbei als Reaktion durchaus auftreten, wie meine Wenigkeit bereits selber feststellen musste. Sogar harmloses Händchenhalten – der ehrliche Ausdruck, dass man für jemanden Empfindungen hegt – wird schief beäugt. Allgemein stellt das Coming-out – die öffentliche Bekenntnis zur Homosexualität – eine der größten Herausforderungen gerade junger Schwuler und Lesben dar. Dieser Schritt bedarf einiges an persönlicher Überwindung und massig Mut, da stellenweise sogar die eigenen Eltern mehr als negativ reagieren, Freundschaften zerbrechen können und gerade auch auf Schulen zermürbendes Mobbing folgen kann.

Doch besser Beleidigungen und Gaffer, denn weit schlimmere Konsequenzen. Laut Wikipedia werden in 75 von 195 Staaten Homosexuelle nach wie vor strafrechtlich verfolgt. Für öffentliches Küssen, Zärtlichkeiten zeigen oder auch nur den Anschein erwecken, homosexuell zu sein, drohen teils drastische Gefängnisaufenthalte oder gar die Todesstrafe. Du wirst hingerichtet, wenn du jemanden liebst.

Nun liegt dennoch die Vermutung nahe, dass sich spätestens seit dem medial mit großem Interesse verfolgtem Outing prominenter Persönlichkeiten wie Neil Patrick Harris alias Barney Stinson oder Jim Parsons alias Dr. Dr. Sheldon Lee Cooper sowie Politikern wie Klaus Wowereit und allen voran Guido Westerwelle Homosexuelle zumindest in unserer Gesellschaft als „normale“ Mitmenschen etabliert haben. Doch die Realität zeichnet in Deutschland und in der angeblichen Vorzeigedemokratie USA ein völlig anderes Bild. Am 20. Oktober 2010 entschied der Deutsche Bundestag, dass gleichgeschlechtliche Partnerschaften in Deutschland steuerlich nicht gleichgestellt werden. Dass hierbei die konservativen Parteien CDU und CSU dagegen stimmten, war abzusehen – doch sogar die FDP, die sich laut Parteiprogramm FÜR die Gleichstellung Homosexueller ausspricht, votierte geschlossen dagegen. Westerwelle inklusive. Und dasselbe Szenario spielte sich am 28. Juni 2012 ab, als die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Ehen zur Abstimmung anstand. Schwule und Lesben bleiben wohl erst mal Menschen gefühlter zweiter Klasse.

Nicht anders verhält es sich in den besagten USA. Dass dort eine große Bewegung erzkonservativer „Christen“ existiert, die sich auf öffentlichen Veranstaltungen, im Fernsehen und vor allem im Web geradezu in Rage reden und lauthals auf verstaubte Bibelverse pochend gegen die „höllischen Ausgeburten“ – namentlich Homosexuelle – wettern, dürfte meines Erachtens auch dir als Leser bereits bekannt sein. Radikale Christen schimpfen und beleidigen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, listen auf Websites scheinbar homosexuelle und daher sündige Bands – wie hier auf „God Hates Fags!“ -, Fernsehserien, Magazine und auch Produkte auf, die von „wahren Gottesgläubigen“ nicht konsumiert werden dürfen. Öffentlich wird Hass gegen Schwule, Lesben und Transgender geschürt. Sie sollen in der Hölle schmoren, müssen an die Wand gestellt werden; ja von den wahren Gottesgläubigen in einem globalen Kampf vom Erdboden gefegt werden. Das nimmt in den Vereinigten Staaten solche Auswüchse an, dass Unternehmen, welche sich publikumswirksam FÜR Homosexuelle einsetzen – und damit auch für Akzeptanz und Toleranz – von Ultrachristen boykottiert werden. Jüngstes Beispiel dürfte wohl die Marke „Oreo“ von Kraft Foods sein, welche unter dem Titel „Proudly support Love!“ am 25. Juni 2012 auf Facebook das Bild eines Oreo-Kekses mit Füllung in Regenbogenfarbe veröffentlichte. Wohl bemerkt: Nur ein Bild.

Der darauf folgende Shitstorm traf das Unternehmen unerwartet und in aller Härte. Binnen kürzester Zeit trudelten weit über 20.000 Kommentare auf der Facebook Fan-Page von Oreo ein. Bezüglich Ton und Inhalt oftmals unter jeglichem Niveau. Menschenverachtend. Blanker Hass spricht aus vielen Kommentaren heraus, und bis zum heutigen Tag werden auf der Oreo Fan-Page weitere entsprechende Kommentare veröffentlicht, heiß diskutiert, beleidigt und die Bibel rezitiert. Sollte Obama wiedergewählt werden, stehen ihm in Hinsicht auf seine Aussprache für die Homo-Ehe und Gleichberechtigung heiße Jahre bevor.

Hach ja, die Kirche. Wenngleich hierzulande der alltägliche, im Namen der Religion stattfindende „Kampf“ gegen Homosexualität nicht gar so laut ausgetragen wird, mehren sich doch die Stimmen, die leider von sachlichen Ebenen abweichen und emotional getrieben dagegen skandieren. So erntete der Bund katholischer Ärzte am 17.05.2011 massive Kritik, als er am internationalen Tag gegen Homophobie und Transphobie auf dem Katholikentag in Mannheim ein Flugblatt verteilte, auf welchem Homosexualität mal wieder als heilbare Krankheit respektive psychische Störung dargestellt wurde.

Waren all die positiven Anzeichen und Entwicklungen der letzten Jahrzehnte in der katholischen Kirche umsonst? Und nebenher steigen auch radikale christliche Portale, die im Vertreten ihrer perfiden Meinung kein Blatt vor den Mund nehmen, vermehrt aus der Versenkung. So steht auf der anonymen, hassschürenden Website kreuz.net in einem aktuellen Beitrag mit dem Titel „Besser jetzt als in der Hölle – Eindringliche Warnung vor ‘gayromeo’“ über das namensgleiche schwule Netzwerk geschrieben:

Das Greuel-Portal ‘gayromeo’ ist ein Internet-Strich für Homo-Gestörte, die sich auf der Schnellstraße in die Hölle befinden.

Homo-Onanisten suchen auf dem Portal nach Gelegenheiten, um sich körperlich und seelisch die Gesundheit zu ruinieren und nach einem frühzeitigen Absterben in der Hölle zu schmoren.

Und das in Deutschland, im Jahre 2012. Die Website wird zwar aus den USA betrieben und von der katholischen Kirche offiziell kritisiert – traurigerweise finden solche an Hetze grenzende Artikel dennoch motivierte Leser und Befürworter, die ihre Meinung in den darunter stehenden Kommentaren auch gerne unverblümt zur Schau tragen. Ganz ehrlich: Diese Personen sind meiner Meinung nach gedanklich irgendwo zwischen der Antike und dem Mittelalter hängen geblieben, es herrscht geistiger Stillstand statt Erleuchtung.

Rückentwicklung und Radikalisierung zeigen sich übrigens seit geraumer Zeit auch in Russland – dem einstigen Demokratie-Hoffnungsträger im Osten. Nachdem am 11. März 2012 in Sankt Petersburg ein umstrittenes Gesetz verabschiedet wurde, das „Schwulenpropaganda“ – öffentliche und schulische Aufklärung über Homo- und Bisexualität – unter minderjährigen verbietet, wurde ein ähnlicher Gesetzesantrag auch in die Staatsduma in Moskau eingereicht. Nicht genug, dass es Schwule und Lesben in Russland gesellschaftlich sowieso noch nie leicht hatten, CSD-Umzüge verboten und Demonstranten für Gleichberechtigung wahllos verhaftet wurden, jetzt werden die Rechte scheinbar von oberster Stelle beschnitten. Und die Betroffenen Menschen weiter an den Rand der Gesellschaft verdrängt.

Es liegt noch so vieles im Argen. In Sachen Gleichberechtigung gleichgeschlechtlicher bzw. sexuell anders orientierter Menschen gilt es sowohl in Deutschland als auch in den USA – und traurigerweise eigentlich in nahezu jedem Land dieser Erde – noch einiges zu tun. Wir sind weit davon entfernt, uns als eine offene, liberale und menschliche Gesellschaft betiteln zu dürfen, welche Akzeptanz, Toleranz und Respekt gegenüber anderen Menschen aufzeigt. Personen, die einfach nur ihr eigenes Leben glücklich und zufrieden leben wollen. Und genau daher setze auch ich mich dafür ein.

Anekdote am Rande: Heute, am 09. Juli 2012, startete der Suchprimus Google eine internationale Kampagne gegen Homophobie und setzt sich offen für die Rechte von Schwulen und Lesben ein. Der obligatorische Shitstorm in den USA startete bereits; Kommentaren nach zu urteilen boykottieren fortan tausende aufgebrachte Ultrakonservative Google-Dienste wie YouTube, Google Mail und die Google Suche an sich. Warum nur erfreut mich diese Nachricht in diesem Fall? 😉

Foto: Amnesty international – „Love is a human right“ von Ainlina.

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