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Bisher unangefochtener Platzhirsch justamenter Urbanisierung stellt mit 36,094 Millionen Sims die Agglomeration Tōkyō dar, nahezu dem Doppelten der gesamten Metropolregion New York Citys. Betonung auf bisher, da einige kolossal expandierende Multimillionenstädte dieser Welt irrsinnig erpicht darauf sind, Tōkyō den Rang abzuluchsen. So auch Chóngqìng, die „größte Stadt“ der Volksrepublik China.

Der Drache schlummert

Während die medialen Kanäle dieser Welt ihre Fokusse gebannter Linse primär gen Hotspots à la Shànghǎi, Běijīng oder Xiānggǎng richten, entfaltet im diffamierten Hinterland Chinas ein urbaner Großstadtdschungel ungeahnter Ausmaße sein mit pulsierenden Adern durchwachsenes Blattwerk: Chóngqìng. Ein industrielles gleich kulturelles Ballungszentrum, welches aufgrund eines Tricks mehr als 32,8 Millionen Chinesen ihre Heimat nennen. Und während vertraute Metropolen wie Shēnzhèn von 30.000 Einwohnern im Jahre 1979 sprunghaft auf über 12 Millionen Ende 2010 anwuchsen, verläuft jener Urbanisierungsprozess in Chóngqìng dieser Tage um ein vielfaches unauffälliger, wenngleich nahezu ebenso rasant.

Chóngqìng, das ward einst ein verschlafenes, ärmlich anmutendes Städtchen alteingesessener rotchinesischer Statuten mit knappen zwei Millionen Einwohnern gewesen. Ein in idyllischer Umgebung am Zusammenfluss zweier wesentlicher Binnenwasserstraßen gelegenes, provinzielles Nest, dem Yángzǐjiāng und dem Jīalíng Jiāng. Wohl wahr, bei Weitem kein Plätzchen, welches gerade in der westlich geprägten Hemisphäre breite Aufmerksamkeit erregt hätte:

Blick auf Downtown Chóngqìng um 1970Blick auf Downtown Chóngqìng um 1970. Quelle und weitere historische Aufnahmen. Zur Großansicht klicken.

Der Drache erwacht

Als die monetarisierten Führungskräfte der kommunistischen Partei Chinas jedoch begriffen, dass eine erfolgreiche, kaderkapitalistische Volksrepublik nicht nur über einen potenten Vorzeigebusen, sondern zugleich über ein starkes Rückgrat verfügen müsse, ward es um das beschauliche Leben in Chóngqìng geschehen. Reformen aus dem 1.500 km fernen Běijīng überschwammen quasi über Nacht das Land und ließen Chóngqìng anno 1992 zur wirtschaftlich ersten offenen Stadt im chinesischen Hinterland aufsteigen. Unternehmerschmeichelnde Steuervergünstigungen und der Bau des Dreischluchtendamms zogen massig frische Bevölkerung an. Milliardeninvestitionen in den Neubau vor 1980 errichteter Gebäude und in den Ausbau eines einer Großstadt angemessenen Verkehrsnetzes führten dazu, dass alleine in den letzten zehn Jahren mehr als 500 Hochhäuser erbaut wurden. Downtown Chóngqìng wird aufgrund mannigfaltiger Übereinstimmungen bereits als „Manhattan Chinas“ betitelt. Chóngqìng, eine perfide, dem ewig Neuen verfallende Stadt. Empfehlenswerter Querschläger: Ein Sinnbild, welches Chrisse Kunst eindrucksvoll illustrierte.

Neben einem wachsenden Zustrom motivierter Neubürger aufgrund grassierender Landflucht verhalf Chóngqìng 1997 auch die massive Ausweitung des administrativen Einzuggebietes zu einer Gesamtbevölkerung von nunmehr 32,8 Millionen – Tendenz stark steigend. Und wenngleich die enorme Einwohnerzahl primär auf jene trickreiche Erweiterung basiert, ist das Wachstum der eigentlichen Kernstadt nicht minder beeindruckend. Und wenn ich beeindruckend schreibe, dann meine ich beeindruckend – es folgen zwei Google Earth entnommene Satellitenaufnahmen aus den Jahren 2002 und 2010:

Vorschau: Chóngqìng 2002 aus Google Earth.Vorschau: Chóngqìng 2010 aus Google Earth.

Vergleich von Satellitenaufnahmen Chóngqìngs aus 2002 und 2010. Musste halt mal Maus darüber halten! Zur 2002er Großansicht und zur 2010er Großansicht. Quelle: Google Earth.

Der Drache wütet

Derweil expandiert die Stadt unaufhörlich weiter: Mehrere an der 500-Meter-Marke kratzende Wolken, Pardon, Wolkenkratzer – wie um das Gelände der Chóngqìnger Oper – befinden sich derzeit in Bau, zudem sind weitere milliardenträchtige Konjunkturpakete beschlossene Sache. Barbärtige, den Zahlen verfallene Propheten (Experten) prophezeien Chóngqìng auch in den nächsten Jahren ein nicht minder rasantes Wachstum und sprechen gar schon von der ersten kommenden 40 Millionen Agglomeration. Big City Life, Dude. Und um die erbärmliche Ansammlung niederer Behausungen aus obigem Schwarz-Weiß-Bild zu revidieren – hier eine Aufnahme der gleichen Halbinsel Anfang 2011:

The skyline of Chongqing, Photographed at Nanshan. Author: Oliver RenBlick auf die Skyline von Chóngqìng 2011, fotografiert aus Richtung Nanshan. Zur Großansicht klicken. Foto: Oliver Ren.

Der Drache bietet weiterführende Informationen:

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