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Uff! Der Unterhaltungswert chinesischer Weisheiten ähnelt wesentlich frappierend der eines Finanzamtsbeamten minutiös geführter, vergilbter Tagebücher. Mit einem Wort: LAAAANGWEIIILIG!! Ursprünglich. Doch jene folgende Volksweisheit aus dem Reich der Mitte belehrte mich eines Besseren, beinhaltet sie doch in ihrer elementaren Essenz eine wahrlich zutiefst nachdenkliche Aussage:

Der Steinmetz

Es war einmal ein alter Steinmetz, der jeden Tag an riesigen Steinen und Felsbrocken arbeitete. Eines Tages ritt ein Fürst durch seine Stadt und der Steinmetz sah erstaunt, wie jedermann sich zu Boden warf und vor Furcht bebte. Der Steinmetz dachte: „Der Fürst ist so viel mächtiger als ich – ach, könnte ich nur er sein.“

Gedacht, getan – mit einem Mal war er der Fürst. Er durchmaß zu Pferd sein Reich und überwachte seine Untertanen, in deren Herzen er Angst und Schrecken säte. Er wusste, dass er nach Belieben über sie verfügen konnte. Doch dann schien ihm die Sonne auf das Haupt, sodass ihm die Hitze zusetze, und er dachte sogleich: „Die Sonne ist so viel mächtiger als ich. Könnte ich nur die Sonne sein.“ Und er ward die Sonne.

So strahlte er im Folgenden vom Himmel hoch auf die Welt herab, und er versehrte mit seinen Strahlen alle Felder, entfachte Feuersbrünste und trocknete Flüsse aus, sodass der Fürst und sein Volk vor Entsetzen aufschrien. Doch dann kam eine dunkle Wolke herbei, verdeckte die Sonne und brachte erlösenden Regen. Die Steinmetz-Sonne dachte daraufhin: „Der Regen ist so viel mächtiger. Könnte ich doch nur dieser Regen sein.“ Und er ward zur Wolke und ließ es regnen.

Er flog überallhin, löste durch seinen Regen Fluten und Muren aus und vernichtete die Ernten damit. Da kam auf einmal ein heftiger Wind auf und blies die Wolke davon, woraufhin die Steinmetz-Wolke dachte: „Der Wind ist so viel mächtiger. Könnte ich doch nur der Wind sein“ – und er ward zum Wind.

Als Wind blies er Bauwerke, Wälder und Menschen um und richtete damit gewaltigen Schaden an. Dann prallte er gegen einen gewaltigen Felsbrocken, der sich nicht bewegen ließ, und der Steinmetz-Wind dachte: „Der Felsbrocken ist so viel mächtiger. Könnte ich doch nur dieser Felsbrocken sein“, und er ward zum Felsbrocken. Riesig groß, schwer und unbeweglich.

So betrachtete er lange Zeit den Wandel um sich her, derweil er aber immer derselbe blieb. Doch eines Tages spürte er ein Hämmern an seinem Leib, er blickte erstaunt herab und sah – einen Steinmetz …

Ein Kommentar

  1. Xcyberpet
    Sagte

    Genial 😀

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