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Meine Wenigkeit – Krony – gehört der Generation Internet an; ich lebe und liebe primĂ€r digital. Nutze die schöne neue Welt des Internets exzessiv, und springe mit Begeisterung auf so ziemlich jeden frischen Technologiezug auf, welcher mein Leben komfortabler zu gestalten verspricht. Wo die Ă€lteren Generationen zaghaft zögern und sich aufgrund in der Vergangenheit erlernter Muster nicht in der Lage sehen, Neues an sich heranzulassen, verwerfe ich Etabliertes nur allzu gerne, um unkonventionellen Technologien wie auch Denkweisen Platz in meinem Alltag zu gewĂ€hrleisten. Schließlich ist der grĂ¶ĂŸte Feind des Fortschritts nicht der Irrtum, sondern die TrĂ€gheit. Doch ich bin ein Early Adapter, eine Trendhure, ein Epikureer des letzten Schreies.

Zu Beginn dieses Jahres wechselte ich beispielsweise mein Gehaltskonto zum FinTech Start-up N26 (vormals Number26) aus Berlin – seitdem verkörpert mein Smartphone mein Geldinstitut. Zahlungen nehme ich ausschließlich virtuell oder per Kreditkarte und NFC vor; BĂ€cker, Friseur, Supermarkt, Strich, Fast-Food-Restaurant – all jene MarktplĂ€tze des tĂ€glichen Bedarfs vermag ich bargeldlos zu bestreiten, immer im Beisein meines mobilen Telefons, dem Dreh und Angelpunkt meiner Finanzen. Ich darf mit Freude berichten, dass ich zwischenzeitlich monatelang bar jeglichen Bargeldes zu leben vermochte (mit Ausnahme einiger kleiner MĂŒnzen fĂŒr die obligatorische WaschkĂŒche) – und dass ich regelrecht vor Stolz ob des Faktes platze, dass N26 die kostenlose Bargeldabhebung an Geldautomaten jĂŒngst auf maximal fĂŒnf Inanspruchnahmen per Monat limitierte. Wer mit diesen Randbedingungen nicht klarkommt und offen mosert, der hat die Philosophie des Kontos der Gegenwart meines Erachtens nicht verstanden und bei N26 somit auch nichts verloren. Denn Bargeld per se ist fĂŒr mich ein ekelhaftes, versifftes Relikt lĂ€ngst vergangener Tage – und damit Abfall 🚼

Ähnlich verhĂ€lt es sich mit Musik, Hörspielen und Podcasts: ich nutze zum Lauschen Selbiger mittlerweile ausnahmslos Streamingdienste aka Spotify oder Google Play Music. Gleich, wo ich mich auch diese Lande herumtreibe, via Smartphone, Laptop, PC und anderer GerĂ€te bin ich zu jedweder Zeit in der bequemen Position, unbegrenzt und fernab jeglicher nervtötender Werbung, pseudolustiger Comedyunterbrechung oder Verkehrsmeldung Musik en masse zu genießen. TontrĂ€ger und klassische MP3-Downloads indes empfinde ich als minderwertig; sie sind fĂŒr mich ungeachtet aller Hipster-Nostalgie Abfall 🚼

Selbstredend greife ich auch zum Konsumieren hochwertiger Bewegtbilder auf digitale Pendants zurĂŒck: HelixStudios und Netflix. GayPorn, Serien, Blockbuster und Dokumentationen werden auf Tapp in Full-HD oder gar 4K auf Smartphone, Laptop sowie PC gestreamt. Ebenfalls fernab von Werbung, mit freier Programmgestaltung und der formidablen Möglichkeit, jederzeit pausieren zu dĂŒrfen. Ich bereue entsprechend keine Attosekunde lang, dass ich seit nunmehr sechs vollen Jahren keine Glotzkommode mehr besitze – denn klassisches Fernsehen grenzt fĂŒr mich an gehirnerweichende Intelligenzbeleidigung und ist fĂŒr mich Abfall 🚼

Auch Spiele erwerbe ich vollstĂ€ndig in virtueller Form: Dank Steam, GOG Galaxy, Uplay und Origin kann ich von jedem beliebigen Ort unseres Blauen Planeten aus auf meine stattliche Spielebibliothek zugreifen, diese bei Bedarf laden und schlussendlich, nun, euphorisch zocken – deren Erwerb findet freilich ebenfalls elektronisch per PayPal oder Kreditkarte statt. Spieleverpackungen, die fĂŒr Platzmangel sorgen und wie scheußlicher Nippes Staub ansammeln, sind fĂŒr mich dementgegen Abfall 🚼

Und wie verhĂ€lt es sich mit spannender LektĂŒre? Nun, diese erwerbe ich via Amazon und synchronisiere sie auf meinen Amazon Kindle sowie in meine Amazon Kindle App auf meinem Smartphone – womit ich Fantast eine halbe Bibliothek fremdartiger Welten, geballten Wissens, dramatischer Beziehungen und kruder Ideologien mit mir herumschleppe. Lesestoff, wann immer ich erquickende Ablenkung nötig habe. Doch entgegen des mitunter erkennbaren Musters dieses Artikels stellen klobige Schwarten mitnichten Abfall fĂŒr mich dar; es geht nichts ĂŒber die Haptik und den Geruch atmosphĂ€rengeschwĂ€ngerter, papierner Seiten. Dennoch sind sie außerhalb der eigenen vier WĂ€nde unpraktisch, weswegen ich deren digitale Form ohneweiters bevorzuge.

Dieses neumoderne Interwebz revolutionierte das Weiteren meinen profanen Warenkonsum; fĂŒr durchschnittliche EinkĂ€ufe sowie fĂŒr die Bestellung von Kleidung, Möbeln, GerĂ€tschaften oder auch leckerer Pizza, saftigen Steaks sowie krossen Krabbenburger verwende ich unentwegt schnieke Apps von Amazon, lieferando und dem REWE-Lieferservice. Unterwegs mit Musik in den Ohren in der Bahn sitzend bestellt, den gewĂŒnschten Lieferzeitpunkt angegeben und per PayPal oder Kreditkarte bezahlt, trifft meine Lieferung zumeist zeitgleich mit mir am vereinbarten Zustellungsort – ĂŒberwiegend meiner töften Butze oder der steinwĂŒrfig erreichbaren DHL-Packstation – an. Mir bleibt somit exklusiv das freudige Entgegennehmen meiner EinkĂ€ufe ĂŒbrig; erneut ohne AushĂ€ndigung lĂ€stigen Bargeldes und fernab jeglichen Stresses. Einkaufen gehen, stundenlang Shoppen und Waren abholen sind fĂŒr mich Abfall 🚼

Analog hierzu befriedige ich auch mein Dasein als Quasselstrippe; meine Kommunikation lĂ€uft ĂŒber Snapchat, Twitter (huhu, Tweeps 💖), WhatsApp, Instagram, Tumblr, Facebook Messenger, Skype sowie PlanetRomeo statt. Mein virtueller wie auch reeller Freundeskreis verteilt sich dank dieser tipptoppen Technologien ĂŒber Hunderte Kilometer hinweg und ist schwul, lesbisch, trans, dunkel- und hellhĂ€utig, what ever, I don’t give a shit. Multikulti eben; digital und unentwegt on tour. SMS, E-Mails sowie Telefonate indes besitzen fĂŒr meinen privaten Gebrauch keinerlei Bedeutung mehr, lediglich altbackene Unternehmen halten verbissen und aus sturer Gewohnheit an jenen beredeten Methoden aus dem letzten Jahrtausend fest. Diese Formen der rĂŒckwĂ€rts gewandten Kommunikation und auf einen definierten Umkreis begrenzte Freundeskreise sind fĂŒr mich Abfall 🚼

Da Entfernungen dieser Tage wahrhaftig keine Rolle mehr spielen und meine Generation jederzeit quer durch das gesamte Land, ja den gesamten europĂ€ischen Kontinent, reist, verwende ich auch fĂŒr Bahn und Flugzeuge alleinig effiziente Apps. Die dazugehörigen Tickets liegen jederzeit als Barcode auf meinem Smartphone vor – und ermöglichen mir spontane Tagestrips nach Berlin, spannende Wochenenden in ZĂŒrich oder Wien, Abstecher nach Hamburg oder Kneipentouren in Amsterdam. Alles gar kein Problem, die Welt wuchs schon lĂ€ngst zusammen – man muss die Globalisierung lediglich mit offenen Armen empfangen, in einen beliebigen Zug steigen, sich entspannt niederlassen und dann das Ticket zum intuitiv auserwĂ€hlten Ziel buchen. Unterwegs genieße ich dann Musik, schaue Filme, zocke, chatte, verschicke verstörende Sprachnachrichten und lasse mir gelegentlich sogar Pizza an den Zielbahnsteig liefern. All dies ist mit Leichtigkeit möglich – und unglaublich geil. Tagelange Reisepanik, BroschĂŒren wĂ€lzen und ein unĂŒbersichtliches Ticketchaos hingegen sind fĂŒr mich Abfall 🚼

Doch es gibt auch herbe RĂŒckschlĂ€ge ob meiner Lebensgewohnheiten: gerade im Bezug auf das Transportwesen griff ich bis Mitte 2015 in Frankfurt am Main gerne auf den Fahrdienst Uber zurĂŒck; unterwegs in der Stadt oder wenige Minuten vor dem Ausgehen orderte ich meine diskrete Fahrgelegenheit, stieg ein und bezahlte unkompliziert per App. Alles lief perfekt und einwandfrei – bis sich die Ewiggestrigen der Personenbeförderungsbranche leider erfolgreich gegen diesen emporstrebenden Giganten aus den USA wehrten und der unausweichlichen Weiterentwicklung im Transportwesen einen temporĂ€ren DĂ€mpfer verpassten. Ihr, die ihr Ă€ngstlich den Fortschritt behindert und mit einer sich wandelnden Welt nicht zurechtkommt: ihr seid fĂŒr mich Abfall 🚼

Nun, ich könnte mit Sicherheit noch einige weitere Aspekte meines alltĂ€glichen Lebens listen, welche sich im Verlauf der letzten Jahre grundlegend digitalisierten. Projektarbeiten und berufliche Angelegenheiten organisiere ich beispielsweise ĂŒber Slack, Urlaub, Restauranttische und Events buche ich online – und diesen Artikel wiederum diktierte ich in voller BlĂ¶ĂŸe im Bettchen liegend mittels Dragon NaturallySpeaking 13. Digitale Helferlein und die wachsende Macht der Algorithmen, wohin ich sehe. Und das ist auch gut so, werte Genossinnen und Genossen. Ein 42-Faches hoch auf die schöne neue digitale Welt, welche mein Leben so mannigfaltig zu bereichern vermag 🎉

8 Kommentare

  1. Pok
    FlĂŒsterte

    Wie bezahlst du deine Drogen? Und je nach dem, wie nimmst du sie zu dir?
    Es braucht Bargeld!

    • Krony
      LĂ€sterte

      Hi Pok,

      ich verstehe deine Argumentation, und bin persönlich dennoch anderer Meinung. Bargeld an sich wird meines Erachtens mittel- bis langfristig abgeschafft und durch neue Optionen ersetzt werden. Wie diese im Detail aussehen werden, können wir dieser Tage noch nicht absehen; die momentanen AnsĂ€tze befinden sich allesamt noch in den Kinderschuhen und sind in der Tag mitunter wenig ausgereift. Nichts desto trotz lassen sich nicht öffentliche GeschĂ€fte schon heute digital erledigen; KryptowĂ€hrungen oder Gutscheinkarten, welche sich wieder in bare MĂŒnze umwandeln lassen, bieten sich hierfĂŒr erfahrungsgemĂ€ĂŸ hervorragend an â˜đŸ»đŸ˜

      Schöne GrĂŒĂŸe, Krony

  2. Dr. Ück Schritt
    Haspelte

    Ein klitzekleiner unscheinbarer Grund warum manche eventuell die rĂŒckschrittliche Email als Kommunikationsmedium vorziehen gegenĂŒber den Produkten (≠ Technologie), die du aufzĂ€hlst, wĂ€re vielleicht der Wunsch nicht alle Inhalte und Eckdaten des alltĂ€glichen Austausches in die HĂ€nde eines Unternehmens zu legen, dass sich von PrifitablitĂ€t diktieren lassen muss um ĂŒberhaupt am Makrt bestand haben zu können.

    Die Gesetze, die wir fĂŒr sowas haben hastt du ja schon richtig entlarvt als fatale Blockaden des Fortschritts. AI-basierte Massenauswertung von Big Data ist die Zukunft. Erstellung psychologischer Profile, FrĂŒherkennung und PrĂ€vention von sozialen oder öffentlichen Problemen. „GefĂ€hrliche“ oder schadhafte Menschen können komfortabel entschĂ€rft werden mit den wenigen Schaltern und Hebeln die dann noch nicht von binĂ€ren Maschinen kontrolliert werden – oder irgendwann auch automatisch.

    Die Sorglosigkeit und Begeisterung mit dem du dich in das Netz des Netzes verwickelst erfĂŒllt mich mit Angst und Neid zugleich. Als Prediger des digitalen Zeitalters hast du selbst zumindest erstmal nichts zu befĂŒrchten.

    • Krony
      SchwÀtzte

      Moin RĂŒckschritt,

      die Gefahren und Risiken, welche jene neuen Technologien mit sich bringen, sind mir durchaus bewusst; indes – meines Erachtens ĂŒberwiegen die Vorteile gegenĂŒber den Nachteilen. Datenschutzbezogene Umgebungsvariablen und MentalitĂ€ten Ă€ndern sich; was heute womöglich noch undenkbar, ist in 10 Jahren akzeptierter Standard; allen Unkenrufen zum Trotz. Klar, dieser Tage gilt es durchwegs die kritische Frage zu beantworten, wem Otto Normalverbraucher seine persönlichen Daten lieber anvertraut – staatlichen Institutionen oder global agierenden Unternehmen? Sprich: Im Stillen agierenden Geheimdiensten oder offensiv profitorientierten Konzernen? Ersteren vollends auszuweichen ist fĂŒr den durchschnittlichen BĂŒrger zwischenzeitlich schwierig bis tendenziell unmöglich geworden; sie stellen ein notwendiges Übel der heutigen Zeit dar. Fakt ist jedoch, dass von Staats wegen initial Misstrauen gegenĂŒber dem Einzelnen herrscht.

      Letztere hingegen haben kein Interesse an deiner Person per se, sondern lediglich daran, mit deiner Wenigkeit Umsatz zu generieren. Sie misstrauen dir nicht, sondern behandeln dich als gewinnbringendes Produkt. Misstrauen VS Monetarisierung – ein klarer Punkt fĂŒr die Konzerne.

      Nun fungieren besagte Unternehmen justament jedoch als Einfallstor fĂŒr staatliche Institutionen Ă  la Geheimdiensten und sonstiger Exekutive. Dies stellt eigentlich die grĂ¶ĂŸte und mitunter auch einzige Gefahr der Nutzung jener digitalen Dienste dar; die erzwungene Offenlegen unserer PrivatsphĂ€re gegenĂŒber staatlicher Gewalten. Ein Trend der heutigen Zeit.

      Meine derzeitige Überzeugung ist jedoch, dass mittel- bis langfristig die Unternehmen obsiegen und staatliche Institutionen in die Schranken verweisen werden; unsere Daten ergo ausschließlich dem Profit zur VerfĂŒgung stellen. Resultierend aus dem Bestreben, einerseits die Benutzer und damit den Profit nicht zu verlieren und andererseits aus der stattfindenden Machtverteilung weg vom Staate, hin zu global agierenden Konzernen. Welche letztendlich am lĂ€ngeren Hebel sitzen; nicht der Infrastruktur und nicht der gesetzlichen Regelwerke wegen – sondern des Mammons. Sie besitzen BillionenbetrĂ€ge; im Gegensatz zu den meisten Staaten reelles, verfĂŒgbares Haben. Und Geld alleine regiert in letzter Konsequenz die Welt; selbst die NSA knickte vermutlich bei einem angedrohten RĂŒckzug Googles aus den USA ein und unterwĂŒrfe sich den Regeln des Konzerns, da andererseits die gesellschaftlichen sowie wirtschaftlichen Folgen mehr als gravierend wĂ€ren.

      Entsprechend vermag ich durchaus als Vorreiter zu fungieren – und in diesen datenschutzrechtlich schwierigen Zeiten kommenden Technologien meine UnterstĂŒtzung und Aufwartung darzubieten; nicht blindlings, sondern wohl ĂŒberlegt, und dies ausgesprochen konsequent.

      Schöne GrĂŒĂŸe,
      Krony

      • BrummliBrummliBrummliBrummliBrummli
        FlĂŒsterte

        Ja wenn der Profit obsiegt, dann ist ja alles in Ordnung :p
        Wie du richtig schreibst bedeutet ProfitabilitĂ€t und ÜberlebensfĂ€higkeit in der Marktwirtschaft zur Bitch des Mammons zu werden. Du Unterwerfung öffentlicher Organe durch vermögende private EntitĂ€ten ist keine Prognose sondern schon lange Status quo. Unternehmen sind die neue ĂŒberlegene Lebensform. Sie setzen sich abstrakt zusammen aus ihren austauschbaren Einzelteilen, konsumieren Ressourcen um zu wachsen und sich zu vermehren. Die Versklavung der Menschheit durch die von ihr erschaffene Maschinerie ist lĂ€ngst vollzogen. Sehr viele fĂŒhlen sich damit aber noch recht wohl.

        FĂŒrwahr, das mag stark subjektiv wirken, doch ist es nicht weniger als meine nackte Überzeugung. Liebe GrĂŒĂŸe 🙂

        • Krony
          Meldete

          Und Überzeugungen seien jedem einzelnen gegönnt 😊

          Gar so schwarzmalerisch empfinde ich persönlich wiederum den Ausverkauf der PrivatsphĂ€re nicht; ganz im Gegenteil, trotz aller in der Tat mitunter perversen AuswĂŒchse der Gegenwart sehe ich hierin mittelfristig eine von vielen möglichen ZukĂŒnften unserer globalisierten Gesellschaft gebettet. Es ist das Prinzip des Gebens und Nehmens; gehoben auf eine neue Ebene. Wie hier mitunter grob angerissen.

          In letzter Instanz hat der Konsument die Macht inne; nicht er ist Sklave der Unternehmen, sondern jene sind Sklaven unseres GutdĂŒnkens. Die gegenwĂ€rtige InaktivitĂ€t der Verbraucher ist temporĂ€rer Natur; wer satt ist und im Überfluss lebt, begehrt nicht auf. Doch das Bewusstsein, dass wir es sind – wir, die Verbraucher, das Volk, nenne es, wie du magst – denen die Macht innewohnt, schlummert lediglich oberflĂ€chlich. Es ist eine schwierige Gratwanderung, welche Konzerne dieser Tage hinsichtlich Ausverkauf und Umwerbung von Kunden ausfĂŒhren, doch in der obligatorischen Rolle des Frosches im heißen Wasser befinden sich Letztere nicht. Keine Frösche, keine Konzerne.

          Denn was unterscheidet letzten Endes einen freien Mann von einem Sklaven? Geld? Macht? Nein, der Freie hat die Wahl, der Sklave gehorcht. Wir Konsumenten können und dĂŒrfen wĂ€hlen; und die Vergangenheit zeigte immer wieder eindrucksvoll, dass wir diese Wahl mitunter auch wagen. Und dass sich die Gesellschaft selbst dieser Tage ausschließlich ĂŒber Konsum und Haben definiert, ist ein selbst verschuldetes PhĂ€nomen; Unternehmen bedienen diese Nachfrage lediglich beflissen.

  3. Daniel
    Plauderte

    Prinzipiell stimme ich Dir zu: Bargeld ist umstĂ€ndlich und unsicher. Verliere ich es, ist es weg. Punkt. Ich benutze es dennoch ĂŒberwiegend im Alltag. Dies nicht nur, weil es zu mir kommt, ohne dass ich es erst am Automaten besorgen mĂŒsste – denn ich arbeite in einer Branche, in der Trinkgelder ĂŒblich sind (und die kommen eben heute noch nahezu ausschließlich bar), sondern in der auch oft seitens der Kunden bar bezahlt wird – was dann dazu fĂŒhrt, dass ich Teile meines Lohns (Überstunden etc), obgleich sie natĂŒrlich ordentlich angemeldet und versteuert sind, vom Chef bar ausbezahlt bekomme. So kommt es dann dazu, dass ich die Einzahlungsfunktion des Geldautomaten tatsĂ€chlich hĂ€ufiger nutze als die Geldabhebung.
    NatĂŒrlich könnte ich nun auch einfach alles erhaltene Bargeld einzahlen und ab dort bargeldlos ausgeben, anstatt nur gelegentlich anfallende ÜberschĂŒsse auf diese Weise loszuwerden. Wieso ich mich anders entschieden habe, liegt an einem Komfortmerkmal, das das Bargeld fĂŒr mich hat und dass ich bargeldlos bislang noch nicht abgebildet sah: den Überblick ĂŒber meine Ausgaben. Ich gehöre zu den Menschen, die den nĂ€mlich allzuleicht verlieren. Und in der Vergangenheit war es bereits vorgekommen, dass ich durch die bunte Mischung aus Zahlungen mit Bankkarte, Paypal und Kreditkarte in kurzer Zeit mehr ausgegeben habe, als ich wollte und mir in diesem Moment hĂ€tte leisten können. Mit Bargeld im Portemonnaie passiert mir das nicht. Da liegt eben die Summe x drin, die in er aktuellen Woche fĂŒr Lebensmittel und sonstige Ausgaben des tĂ€glichen Lebens verfĂŒgbar ist und bei jedem Blick in die Geldbörse sehe ich, wieviel davon noch da ist. Wenn es das auch bargeldlos gĂ€be – beispielsweise eine zentrale App, der ich Zugriff auf meine verwendeten Zahlungsdienstleister gebe und die mir in Echtzeit anzeigt, wieviel meines Wochenbudgets noch vorhanden ist, wĂŒrde ich es sofort ausprobieren. Die RealitĂ€t stellt sich mir jedoch derzeit noch so dar, dass ich die Konten bei den Anbietern einzeln abrufen muss, manche Zahlungen erst nach mehreren Tagen gebucht werden und mir persönlich der Überblick so rasch abhanden kommt. NatĂŒrlich könnte ich eine Art Kassenbuch fĂŒhren, um das zu umgehen. Dazu mĂŒsste ich aber wieder einen Extraaufwand betreiben, auf den ich keine Lust habe. Da hat fĂŒr mich persönlich das Bargeld heute noch klare Vorteile hinsichtlich der Benutzungsfreundlichkeit. Allerdings wĂ€re ich ganz vorne mit dabei, auf bargeldloses Leben umzusteigen, sobald diese Übersichtlichkeit auch dort gegeben ist.

    • Krony
      Verfasste

      Moin Daniel,

      Trinkgelder sind in der Tat ein Problem, wenn ein ausnahmslos bargeldloses Leben erwĂŒnscht ist. Weniger in Restaurants; hier vermag ich durchgehend per Kreditkarte zahlen und das dazugehörige Trinkgeld entsprechend hinzuzĂ€hlen zu dĂŒrfen. Stattdessen sind’s mitunter viele der bequemen Bringdienste, deren Apps beim digitalen Bezahlen ein gesonderter Posten fĂŒr das Trinkgeld des mitunter durch Nacht und Nebel kurvenden Lieferanten fehlt; hier ging ich zwischenzeitlich dazu ĂŒber, einen zusĂ€tzlichen Artikel in meine Bestellung aufzunehmen mit dem ausdrĂŒcklichen Vermerk, dies nicht ausliefern, sondern dem entsprechenden Lieferanten als Trinkgeld zukommen zu lassen.

      Der nĂ€chste Punkt wiederum mag tatsĂ€chlich gravierender Natur zu sein. Persönlich habe ich meine aktuellen Finanzen stets in etwa im Kopf, sodass ich beruhigt und sorgenfrei mein bargeldloses Leben zu vollfĂŒhren vermag; indes: Stimmt, hier mangelt es an Kontrollinstrumenten fĂŒr den Einzelnen. An einer simplen Plattform, die auf einen Blick Soll und Haben auflistet – und dies ĂŒber alle anderen Finanzapps sowie -Konten hinweg. Die Schwierigkeit besteht in diesem Falle nicht in der Entwicklung einer solchen Anwendung, sondern in den geschlossenen Systemen der einzelnen Kreditinstitute und Finanzdienstleistungsunternehmen. Diese bieten sowohl aus Datenschutzrechtlichen, als selbstredend auch aus GrĂŒnden des Konkurrenzdenkens keine offenen Schnittstellen an, mit deren Hilfe eine plattformĂŒbergreifende ZusammenfĂŒhrung alle selbst getĂ€tigten Transaktionen möglich wĂ€re. Und falls einmal doch, dann nur fĂŒr Finanzprodukte des eigenen Unternehmenskonglomerats. Insofern stellt deine Argumentation eine Ă€ußerst Berechtigte dar, und ich danke dir fĂŒr diesen erhellenden Denkanstoß, da ich in aufgrund meiner eigenen beschrĂ€nkten Perspektive nicht wahrnahm 🙂

      Schöne GrĂŒĂŸe, Krony

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