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Zu Beginn des Mittleren Reichs erkannte Ägypten den Pharao erneut als obersten Herrscher des Landes an. Die Bedingungen hatten sich seit dem Alten Reich jedoch grundlegend gewandelt. Die Macht, zu der regionale Herrscher während der Ersten Zwischenzeit gefunden hatten, wurde auch im Mittleren Reich nicht abgegeben. Die Pharaonen hatten alle Hände voll zu tun, ihre Nomarchen unter Kontrolle zu behalten. Viele Nomarchen unterhielten stehende Armeen. Der Pharao ließ dies zu, solange die Nomarchen Truppen zur Verfügung stellten, wenn der Pharao dies forderte.

Nach der Wiedervereinigung Ägyptens bildeten Mentuhotep II. und seine Nachfolger die elfte Dynastie, die die Herrschaft etwa 70 Jahre lang innehatte. Während dieser Dynastie war das Militär sehr stark und unternahm Expeditionen nach Sinai, Palästina, Nubien und Libyen, um die Feinde in Schacht zu halten und sich die dortigen natürlichen Ressourcen zu sichern. Der Bergbau auf der Sinai-Halbinsel und in Nubien versorgte Ägypten erneut mit den Rohstoffen, die für die Herstellung herrlicher Kunstgegenstände benötigt wurden.

Während der elften Dynastie wurden auch die Handelsbeziehungen mit anderen Ländern erneuert. Alte Handelsrouten wurden wieder eröffnet, darunter der Wadi Hammamat, das trockene Flussbett, das als Verbindung zwischen dem Roten Meer und Kebet („Koptos„) diente. Mentuhotep III. entsandete sogar eine Expedition ins ferne Pwenet („Punt„), um Myrrhe zu beschaffen.

Mit dem Hereinströmen von Rohstoffen und dem langsam anwachsenden Reichtum des Landes begannen die ägyptische Kunst und Architektur wieder zu gedeihen. Mentuhotep II. baute in Djeser-Djeseru („Deir el-Bahri„) einen riesigen Bestattungskomplex, der aus dem Fels gehauen wurde. Mentuhotep III. baute viele Tempel im gesamten Süden Ägyptens, darunter welche in Abu („Elephantine„), Abedju („Abydos„) und Waset („Theben„). Die Tempel wurden mit kunstvollen Reliefs und Bildern dekoriert. Dies bewies, dass trotz der Unruhen immer noch erstaunliche künstlerische Fähigkeiten in Ägypten lebendig geblieben waren.

Als letzte Aktion der elften Dynastie fand eine Expedition in den Wadi Hammamat statt, um Stein für den Sarkophag von Mentuhotep IV. zu brechen. Die Expedition wurde von Amenemhet, dem Wesir Oberägyptens, angeführt. Dieser kam auf friedliche Weise auf den Thron und wurde Pharao. Das zeigt, dass auch besonders erfolgreiche Provinzfürsten Pharao werden konnten. Er bildete den Anfang der zwölften Dynastie, die Ägypten mehr als 200 Jahre lang regieren sollte.

Nach seiner Thronbesteigung gründete er eine neue ägyptische Hauptstadt. Dafür wählte er einen Platz in Mittelägypten aus, etwa 50 Kilometer südlich von Memphis. Die neue Hauptstadt nannte er Itijtaui, was so viel bedeutet wie „Eroberung der beiden Länder„. Amenemhet unternahm aggressive Feldzüge zur Ausdehnung der ägyptischen Grenzen. Im Süden gelang es ihm, weit nach Nubien vorzudringen (bis zum dritten Katarakt. Ein Katarakt ist eine speziell im Nil bei Niedrigwasser schwer passierbare Stromschnelle). Dort errichtete der die Stadt Heh („Semna„), die Sesostris III. später mit einer eindrucksvollen Befestigungsanlage umgeben sollte. Amenemhet vertrieb außerdem die Libyer aus dem Fayum und siedelte wieder Ägypter dort an. Mit der Ausdehnung der Grenzen wurden auch neue Befestigungsanlagen zum Schutz der Grenzen notwendig. Die berühmteste dieser Befestigungen ist die „Mauer des Herrschers„, die aus einer Reihe von Festungen entlang häufig genutzter Einfallstraßen nach Ägypten besteht.

Während Amenemhet Expeditionen in fremde Länder führte, versuchten Rivalen, den Thron zu untergraben. Daher führte er die Mitregentschaft ein, die sich als einer der Schlüssel für die lange Herrschaftsdauer seiner Dynastie erweisen sollte. Im zwanzigsten Jahr seiner Herrschaft ernannte er seinen Sohn und Erben Sesostris zu seinem Mitregenten. Sie herrschten gemeinsam, bis Amenemhet starb. Da auf diese Weise der nächste Pharao die Zügel schon fest in der Hand hielt, bevor sein Vorgänger starb, hatten Thronräuber große Schwierigkeiten, dessen Macht zu hintergehen.

Zur Zeit des Mittleren Reichs erfolgte auch die Ausweitung der Handelsbeziehungen. Man ging Handelspartnerschaften mit Syrien, dem Libanon und Palästina ein. Da auch ägäische Artefakte aus der Zeit des Mittleren Reichs gefunden wurden, kann man davon ausgehen, dass mit den Nationen der Ägäis direkt oder über den Libanon ebenfalls Handel stattgefunden haben muss.

Der Monumentbau bewegte sich während der zwölften Dynastie wieder zu den herkömmlichen Pyramiden zurück und weg von den in Stein gehauenen Gräbern. Die Pharaonen der zwölften Dynastie verteilen ihre Pyramiden über ganz Ägypten. Mehrere von ihnen bauten ihre Pyramiden in Dahschur, andere außerhalb von Itijtaui und Amenemhet III. baute seine Pyramide bei Hawara im Fayum. Die meisten Pyramiden bestanden aus Lehmziegeln und waren mit Tura-Kalkstein verkleidet. Eine bemerkenswerte Ausnahme davon ist die „Schwarze Pyramide“ von Amenemhet III. Diese wurde teilweise mit Basalt gebaut, dem sich ihre dunkle Färbung verdankt.

Ihren Höhepunkt erreichte die altägyptische Literatur während der zwölften Dynastie. Ein neuer Textkanon entstand, der sich in anleitenden Texten und Erzählungen niederschlug. Diese Texte waren in Schreiberschulen sehr beliebt. Später erlernten Schreiber ihre Kunst, indem sie Manuskripte immer und immer wieder abschrieben. Beispielsweise gibt es vier Papyri, zwei Zeichenbretter und etwa 100 Ostraka („Tonscherben„), auf denen die „Berufserwartung“ zu lesen ist. Während das Manuskript zur Zeit des Mittleren Reichs verfasst wurde, gehen alle gefundenen Kopien auf die Zeit des Neuen Reichs zurück, was die Beliebtheit dieses Texts beweist. Dass Schreiber diesen Text mochten, ist nachvollziehbar: Es handelt sich um einen Lehrtext, der die Vorteile des Schreiberdaseins lobt, indem der alle anderen Gewerbe auf humorvolle Weise kritisiert.

Im Verlauf des Mittleren Reichs entwickelte sich die ägyptische Theologie weiter. Zusätzlich zu Amun gewann Osiris als Gott der Toten immer mehr an Bedeutung. Die Idee einer Beurteilung vor dem Zutritt zum ewigen Leben war während der Ersten Zwischenzeit entstanden. Und in Osiris sah man während des Mittleren Reichs die letzte Richtinstanz. Die Pharaonen waren bestrebt, Osiris zu ehren. Die Anzahl der herrlichen Monumente in Abedju („Abydos„), einer der Städte des Osiris, beweist dessen Bedeutung.

Das Ende der zwölften Dynastie markierte den Anfang vom Ende des Mittleren Reichs. Ähnlich wie am Ende des Alten Reichs herrschte auch der letzte Pharao der zwölften Dynastie außerordentlich lang. Als er verschied, gab es Verwirrung um den rechtmäßigen Nachfolger. Auch diesmal wurde die Lage zusätlich durch einen Klimawechsel verschärft: Die Nilflut fiel extrem hoch aus und zog sich erst spät zurück, so dass die Anbauzeit verkürzt war.

Die Lage war nicht so hoffnungslos wie am Ende des Ersten Reichs, dennoch schwächten die landwirtschaftlichen Probleme die Macht der Pharaonen. Die dreizehnte Dynastie, deren Pharaonen die Hauptstadt wieder nach Men-nefer („Memphis„) verlegt hatten, zeichneten sich vor allem durch Dutzende Pharaonen mit extrem kurzer Herrschaftszeit aus, was an sich bereits ein Hinweis auf Wirren in höchsten Regierungskreisen ist. In der dreizehnten Dynastie blieb ein Wesir meist länger an der Macht als ein Pharao, und mehrere Wesire dienten mehreren Pharaonen und trugen so wesentlich dazu bei, das Land wenigstens noch etwas zusammenzuhalten.

Ohne einen starken Führer musste Ägypten jedoch in kleine Einzelstaaten zerbrechen. Eine neuen Pharaonendynastie etablierte sich in Xois, in der westlichen Hälfte des Nildeltas. Die Pharaonen in Xois herrschten zeitgleich mit den Pharaonen der dreizehnten Dynastie.

Dies war also der Zeitpunkt, als das Mittlere Reich endete. Und das Land spaltete sich erneut in ein oberes und ein unteres Königreich auf …

Ägypten: Die komplette Reihe im Überblick

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