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Die Erste Zwischenzeit war eine Zeit des Elends. Die Bevölkerung hungerte, und die Anführer der vielen kleinen Gemeinschaften taten ihr Möglichstes, um die Menschen zu ernähren. Nach und nach entwickelten sich Ober- und Unterägypten wieder zu getrennten Königreichen.

Um das Jahr 2.160 v. Chr. gelang es einer Gruppe von Herrschern in Henen-nesew („Herakleopolis„), Unterägypten wieder zu vereinigen. Diese Herrscher waren die rechtmäßigen Erben des ägyptischen Throns und beanspruchten den Pharaonentitel. Sie vertrieben Libyer und asiatische Völker, die auf der Suche nach Nahrungsmitteln in das Nildelta gekommen waren. Sie reparierten alte Bewässerungskanäle, befestigten die Grenzen und bauten Handelsbeziehungen zu Babylos im Libanon auf. Berüchtigt waren die Könige von Herakleopolis allerdings auch für ihre Grausamkeit. Ihr Verdienst war es jedoch, ein verstreutes Volk in einer schweren Zeit zu vereinen.

Gleichzeitig vereinte die Herrscherfamilie aus Waset („Theben„) Oberägypten, wenngleich in einer weitaus weniger engen Konföderation als Unterägypten. Intef I. war der erste Herrscher aus Waset, der begann, das Gebiet unter sich zu vereinen. Er eroberte Land im Süden und nahm den Titel „Großer Herrscher über Oberägypten“ an. Im Gegensatz zu den Herrschern in Herakleopolis beanspruchte er den Pharaonentitel nicht für sich.

Seine Nachfolger stärkten die Föderation in Südägypten. Mit zunehmender Macht begannen sie, sich als Pharaonen zu bezeichnen. Sobald die Nomes im Süden befriedigt waren, wandten sich diese Herrscher dem Norden zu. Kleinere Scharmützel entlang der Grenze zwischen Ober- und Unterägypten wuchsen sich zu einem regelrechten Bürgerkrieg aus.

Mentuhotep II., ein Nachkomme der Familie Intefs, ging als Sieger daraus hervor und unterwarf die Herrscher von Herakleopolis endgültig. Er nannte sich fortan „Sam-towe„, was so viel heißt wie „Einiger der beiden Länder„. Und er errichtete eine neue ägyptische Hauptstadt in Waset.

Mit der neuen Hauptstadt wurde auch der Einfluss eines neuen Schutzgottes stärker. Der Schutzgott Wasets war Amun, und dieser ersetzte Re als Hauptgott Ägyptens. Wie zuvor von Re behauptete man nun von Amun, er sei die ursprüngliche Gottheit, aus der alle anderen Götter entstanden waren. Der Sonnenkult blieb jedoch stark, und mit der Zeit wurde Amun immer enger mit Re verknüpft.

Über diese neue religiöse Struktur hinaus änderten sich auch zahlreiche religiöse Gewohnheiten während der Ersten Zwischenzeit. Während Ägypten in Nomes zersplittert war, gewährten sich Herrscher von Dörfern und Regionen die Bestattungsrechte, die einst Pharaonen und deren engsten Verwandten vorbehalten waren. Der Osiris-Kult nahm an Bedeutung zu. Dies erweiterte den Zugang zu Bestattungsrechten weiter, ein Leben nach dem Tot stand nun jedermann offen. Bald traten Ägypter aller Schichten in das Leben nach dem Tode ein, vorausgesetzt, sie hatten genug Geld für das Ritual.

Mit dieser bedeutsamen Öffnung des Zugangs zu Bestattungsdiensten ging eine Veränderung der Beisetzungsriten einher. Da Pharaonen ja als Götter betrachtet wurden, wurde über sie nicht zu Gericht gesessen, bevor sie in das ewige Leben eintreten durften. Als jedoch das Leben nach dem Tod plötzlich normal Sterblichen offen stand, führte man die Konzepte eines letzten Gerichts und einer letzten Beichte ein.

Künstlerisch gesehen ging es mit den Bereichen Skulptur und Architektur während der Ersten Zwischenzeit bergab. Die Ressourcen waren begrenzt, man konzentrierte sich vor allem darauf, die Bevölkerung zu ernähren und die Macht zu festigen. Trotzdem entstanden während dieser Zeit die Voraussetzungen für die großen literarischen Werke des Mittleren Reichs. Ohne die alles vereinnahmende religiöse Macht der Pharaonen fühlten sich die Schriftsteller freier, persönliche Meinungen zu weltlichen Themen zu äußern.

Ägypten: Die komplette Reihe im Überblick

Ein Kommentar

  1. Hanibalbecter
    Schwadronierte

    Für ein Agypten X – Hochkultur heute, wird es wohl nicht mehr reichen?

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