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Wir schreiben das Jahr 2247 AD. Unsere Heimat, die gute alte Mutter Erde – wie wir sie heute lieben und schätzen – lässt sich in dieser gar nicht so fernen Zukunft kaum wiedererkennen. Allen Hoffnungen des beginnenden 21. Jahrhunderts zum Trotz entwickelten sich die meisten Aspekte des menschlichen Daseins zum negativen; Gier und Neid, wesenhafte Eigenschaften des modernen Menschen, obsiegten letztendlich. Sie sind es, die fortan das traurige Antlitz der einst so stolzen Erde formen und prägen sollten.

Aus dem tausende Kilometer entferntem Panoramafenster eines luxuriösen Weltraumressorts betrachtet schimmert diese unsere kleine Welt zukünftig mehr im ausgeblichenen Einheitsgrau denn in schillernden Blautönen. Schuld tragen unter anderem die zurückweichenden Ozeane des Planeten. Zwar stieg der ängstlich betrachtete Meeresspiegel bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts wie nicht anders erwartet bedrohlich an und ließ weltweit Küstenstreifen und massig Metropolen – und damit die Heimat hunderter Millionen Menschen – im kühlen Nass versinken; doch durch den gigantischen Wasserbedarf der bis zum Jahre 2247 rasant wachsenden Weltbevölkerung und der damit einhergehenden Turbo-Hydrokulturlandwirtschaft sowie der zunehmenden Verdunstung des Wassers aufgrund der nicht aufzuhaltenden globalen Erwärmung sank der Pegel hernach deutlich unter den Stand rund um die vergangene Jahrtausendwende ab.

Folge: Die Ozeane wichen drastisch zurück; erwärmten sich, kippten ökologisch um und verstarben. Kleinere Meere wie das mediterrane Mittelmeer verlandeten nahezu gänzlich, nicht zuletzt hervorgerufen durch den gigantomanischen Bau des jahrhundertelang geplanten Staudammes „Atlantropa“ in der Meerenge von Gibraltar und enormen Flugsandablagerungen aus dem verdorrten Norden Afrikas. Das dort nun fehlende Wasser hinterließ eine bis zum Horizont reichende, graubraune und giftige Salzschlammwüste, auf der nunmehr keinerlei Vegetation Fuß fassen kann. Die Ozeane des Jahres 2247 gleichen leblosen, teils Ausschlag verursachenden Morasten. Radikal ausgebeutet und hochgradig mit abermilliarden Tonnen kleinster, gesundheitsschädlicher Plastikpartikeln vermengt. Zudem belasten zehntausende, über Jahre hinweg heimlich versenkte und mittlerweile durch Korrosion aufgebrochene Behälter mittel- bis hochradiaktiven Atommülls sowie Brennstäbe von im 20. und 21. Jahrhundert ausrangierten und versenkten Atom-U-Booten der ehemaligen sowjetischen Marine die Gewässer. Ganze Meeresteile sind von trägen Ölschwaden und beißend riechenden Chemikalien unzähliger Fabriken vergiftet, bedeckt von hunderten Kilometer großen Algenteppichen, die den sowieso bereits toten Weltmeeren nahezu jeglichen Sauerstoff entziehen. Die darunter liegenden Meeresböden wiederum wurden zur Stillung des enorm verschwenderischen Rohstoffhungers der vergangenen Jahrhunderte mehrmals von gigantischen Rohstofffördermaschinen umgegraben und stellen zerfurchte, leblose Unterwasser-Mondlandschaften dar; überzogen von der einen oder anderen schauderhaften Schicht weggeworfener Hinterlassenschaften der Menschheit.

Küstenstädte wie die einst stolze Lagunenstadt Venedig repräsentieren nicht einmal mehr einen ausgefransten Schatten ihrer selbst. Venedig gleicht einer farblosen, verfallenen, heruntergekommenen und überwiegend unbewohnten Ruinenstadt; einem von stinkendem Schlamm umgebenen und gänzlich verlandeten Mahnmal ehemals florierender menschlicher Existenz. Einzig durchbrochen von wenigen herausragenden, auf Ruinen platzierten, postmodernen sowie hellen Villen nostalgisch veranlagter Milliardäre. Der Billionen Tonnen bewegende Welthandel verlagerte sich entsprechend von ehemaligen Küstenstädten auf weit in das nun schlammige Brachland vorgelagerte, mittels künstlicher Intelligenz verwaltete Seehäfen; angefahren von voluminösen, hunderten Meter langen und autonomen Hochgeschwindigkeitstransportschiffen – manche auf weit entwickelten Hovercraftechnologien basierend.

Der früher ehemals freundliche, ja heimelig hellblaue Tageshimmel ist diesen fernen Tagen aufgrund der extremen Verdunstungsrate nahezu ununterbrochen von schweren, grauen, mit grellen Blitzen durchzogenen Wolkenschwaden bedeckt oder von erodierenden Sanden expandierender Wüsten verschleiert. Gewaltige Unwetter und heftige Stürme der Orkankategorie herrschen auf dem gesamten Planeten vor, peitschen über die standhaften Behausungen der Menschen und vernichteten über die Jahrzehnte hinweg einen großen Teil der eigentlich in den Himmel wachsenden, natürlichen Vegetation. Lediglich Faktoren wie die hysterisch angeprangerte Luftverschmutzung durch industrielle und private Abgase der vergangenen Jahrhunderte spielen kaum noch eine tragende Rolle, da die Menschheit durch voranschreitenden technologischen Fortschritt und alternative Energiequellen wie der Kernfusion – welche Mithilfe von auf dem Mond gewonnenem Helium-3 betrieben wird – das rückblickend archaisch anmutende Explosionszeitalter unter Zuhilfenahme von Treibstoffen wie Benzin und Diesel gänzlich hinter sich ließ. Sehr zum Schaden ehemals blühender Regionen wie dem Nahe Osten oder Alaska, welche sich abrupt im erbarmungslosen Strudel der blanken Gleichgültigkeit der Geschichte wiederfanden.

Doch für einen anderen unentbehrlichen Bestandteil unserer Erde kam jede Hilfe zu spät: Der Tierwelt. Nahezu alle Säugetiere des Planeten wurden im Laufe des 22. Jahrhunderts chronisch ausgerottet, ungeachtet jedes verzweifelten Rettungsversuches – bis auf einige akut vom Aussterben bedrohte Kleinsttierarten auf wenigen abgelegenen, geschützten Eilanden sowie dank Gentechnik hochgezüchteten Lebewesen in den städtischen Zoos. Bloß kreuchende und fleuchende parasitäre Insekten und auch einige hartnäckige Reptilien wiesen sich als unumstößliche Kämpfernaturen aus und repräsentieren nun nahezu die gesamte Artenvielfalt des sich im langsamen Sterbeprozess befindlichen, ehemals so lebhaften Planeten im Jahre 2247.

Der Mensch stellt nun das zahlenmäßig vorherrschende Säugetier dar; er hat es endlich geschafft und verkörpert nun aus Mangel an Alternativen die fragwürdige Krone der Schöpfung. Alleine steht er auf weiter Flur. 21,3 Milliarden Erdenbürger drängen sich auf einen durch Desertifikation immer kleiner werdenden Lebensraum, wovon knapp 90 Prozent in krebsartig wuchernden Megastädten und ihren prall gefüllten Slumgürteln vegetieren. Die einstigen pulsierenden Millionenstädte des 21. Jahrhunderts mit zehn, 20 oder wie im Falle Tokios 36 Millionen Einwohnern verwuchsen teilweise nahtlos ineinander und bilden nun widernatürliche, urbane Beton-, Glas- und Stahlgeschwüre, sowohl in die Breite als auch in die Höhe expandierend. Niemals schlafende, überfüllte, brüllend laute und von trotz computergesteuerter Fahrzeuge mit Staus und sozialen Unruhen durchzogene Agglomerationen wie die tausende Quadratkilometer bedeckende Metropole Shenzhen-Hongkong besitzen Schätzungen zufolge bis zu 124 Millionen Einwohner. Die Bevölkerung eines Staates in einer einzigen, nervenaufreibenden Stadt.

Einst stolze Nationengemeinschaften wie die Vereinigten Staaten von Amerika und die Europäische Union kämpfen um ihr wirtschaftliches und auch ethnisches überleben, nachdem beispielsweise in Letzterer mehrere aufeinander folgende Weltwirtschaftskrisen, der unerwartet intensive Asia-Boom im 21. Jahrhundert, staatliche Zahlungsunfähigkeiten und der dadurch hervorgerufene Zerfall der europäischen Einheit im Jahre 2079 den gesamten Kontinent in Chaos und schon lange nicht mehr gekannter sozialer Armut stürzten. Das rasante wirtschaftliche Wachstum des über Jahrhunderte hinweg nahezu unsichtbar sein Dasein fristenden afrikanischen Kontinents gegen Anfang des 22. Jahrhunderts brach den europäischen Staaten schließlich ein für alle Mal das wirtschaftliche Rückgrat sowie das politische Genick – und verpasste ihnen den obligatorischen Todesstoß. Auch die Vereinigten Staaten von Amerika kämpfen mit einem nie da gewesenen Macht- und Ansehensverlust, inneren Unruhen, sozialen Brennpunkten und weltpolitischer Bedeutungslosigkeit.

Nachdem zuerst die mit der Republik China im Zweiten großen chinesischen Volkskrieg zwangsvereinigte Volksrepublik China und Indien und im Anschluss Brasilien die Paraderolle einer ökonomischen und militärischen Weltmacht auf dem Planeten einnahmen – gefolgt von der bereits anno 2012 53 Staaten zählenden Afrikanischen Union – existieren im Jahre 2247 staatliche Gewalten de facto nur noch auf dem Papiere. Längst unterwanderten multinationale Megakonzerne die Regierungen der verschiedenen Länder, lenken diese nach eigenem profitorientiertem Gutdünken und verteidigen Selbiges im Zweifelsfalle mit individuellen, modern ausgestatteten und bis an die Zähne bewaffneten Privatarmeen. Infolge der lückenlosen Erschöpfung der natürlichen, irdischen Rohstoffvorkommen gegen Ende des 21. Jahrhunderts – inklusive massiver Abholzung der bereits um 2050 dem definitiven Untergang geweihten Regenwälder – brachen diese neuen, staaten- und kontrolllosen Herrscher der Erde mit vereinten Kräften und unter Mitwirkung neuester Technologien wie besagter Fusionsreaktoren und Weltraumfahrstühlen zur wirtschaftlichen Erschließung des nahen Erdtrabanten und des Roten Planeten Mars auf. Einige tausend Menschen arbeiten und warten auf diesen exterrestrischen Gefilden und monumentalen Forschungsstationen sowie Weltraumwerften im erdnahen Orbit gigantische, autonom agierende Schürfroboter und diverse Rohstoff verarbeitende Raffinerien, welche kapazitär gerade noch so in der Lage sind, den nach wie vor ungeheuerlichen Rohstoffhunger der Menschen auf dem Planeten Erde zu befriedigen. Weitere bemannte Vorstöße in das heimische Sonnensystem wurden im Laufe der Jahrzehnte zwar durchaus unternommen, jedoch stellten sich die technischen und psychischen Hürden auf Dauer als zu groß und zu kostenintensiv heraus. Der Mensch ist körperlich auch im Jahre 2247 an seinen vergewaltigten Heimatplaneten gebunden.

Jedoch erlebt die Menschheit durch die Bedeutungslosigkeit staatlicher Gewalten und Grenzen sowie der offiziell lediglich auf finanziellen Gewinn sinnenden Konzerne – welche den gesamten persönlichen sowie öffentlichen Raum privatisierten – auch eine nie gekannte Phase des zwischenstaatlichen Friedens. Rohstoffkriege und Kämpfe um die Vorherrschaft auf diversen wirtschaftlichen Absatzmärkten finden größtenteils im Verborgenen statt; öffentliche Konfrontationen zwischen weltumspannenden Konzernen werden schon aufgrund der ungeheuer schlagkräftigen Privatarmeen selbiger vermieden. Demgegenüber verblassen die aufgrund von Einsparungen nahezu nicht mehr denkbaren, verbliebenen Armadas weltlicher Regierungen. Einzig die enormen Spannungen zwischen der globalen, reichen Mini-Elite und der ungemein breiten, unvorteilhaft behandelten Masse führen ab und an zu weltweiten sozialen Flächenbränden und monatelangen, blutigen Straßenschlachten gegen hilflose und unterbezahlte Staatsdiener und abseits aller staatlicher Gesetze agierenden Konzerneinheiten. Eine tendenziell hilflose, dem perfiden Konsum und allgegenwärtiger Unterhaltung verfallene Gesellschaft bäumt sich illusorisch gegen die Resultate der eigenen Lebensgewohnheiten auf.

Gewohnheiten wie das Ausleben einer zweiten, perfekten Persönlichkeit im auf dem gesamten Planeten allgegenwärtigen Web. Alles und jeder ist mit allem vernetzt und stetig online, ein jeder weiß, was andere Menschen wann und wo mit wem tun. Molekulare Nanobiotechnologien ermöglicht es den Menschen, dank fragiler, innerkörperlicher Anbindung an Seh- und andere Nerven zwischenmenschliche Kontakte, mediale Inhalte und intensive körperliche Gefühle wie virtuellen Sex aus jeglicher Entfernung zu jeder Tageszeit zu konsumieren. Die stetige Flut an Informationen, Bildern, Emotionen und werbetechnischen Inhalten berieselt manche Menschen gar rund um die Uhr; sie versinken völlig in virtuellen Welten, gehen darin vollkommen auf, leben ihr digitales Ich und lassen ihren reellen Körper regelrecht verkommen. Der tot durch körperliche Erschöpfung aufgrund dominierenden Cyberlebens stellt mittlerweile eine zwar nach wie vor kritisch beäugte, aber dennoch öffentlich akzeptierte Todesursache dar. Selbst große Weltreligionen arrangierten sich zähneknirschend mit Auswüchsen wie virtuellen Ehen, deren seelenlosen Kindern und nicht reellen Bestattungen.

Doch es gibt auch Hoffnungsschimmer am zerwühlten Horizont: Gesundheitlich teilt sich die Bevölkerung des Jahres 2247 in zwei Gruppierungen auf. Dank medizinischer Fortschritte, Biotechnologien und Gentechnik ließen sich menschliche Leiden wie Krebs, HIV oder auch Alzheimer vollauf entschlüsseln und endlich quer durch alle gesellschaftlichen Schichten hindurch erfolgreich behandeln. Gleichwohl bleiben Ersatzorgane aus der Retorte oder genetische Fehlerkorrekturen sowie Optimierungen der bereits erwähnten, relativ begrenzten und zudem über dem Maße reichen Elite vorbehalten. Wer es sich leisten kann, erlebt locker gesunde 120 Erdenjahre. Allerdings sorgten misslungene und außer Kontrolle geratene genetische Experimente auch zur unberechenbaren Mutation diverser flugfähiger Insekten und zur grippalen H.U.R.Z.-Pandemie im Jahre 2153 mit weltweit geschätzten 810 Millionen Infizierten und 71 Millionen Todesopfern. Angesichts dieser drastischer Opferzahlen beschloss die damalige Weltgemeinschaft in Übereinstimmung mit Industrie und Handel einheitlich, jegliche Forschungsarbeit im Bereich biologischer und chemischer Waffen für das weitere Überleben der Menschheit aus Freien Stücken heraus und damit endgültig einzustellen.

Die Menschen stehen nun im Jahre 2247 am ultimativen Scheidepunkt der Geschichte. Vor ihnen erstreckt sich eine neblige, düstere und ungewisse Zukunft, durchwoben von gewaltigen gemeinsamen Herausforderungen, tief greifenden Entsagungen und enormen gesellschaftlichen Umwälzungen. Das Überleben des Planeten liegt in den Händen der Menschen – und das der Menschen hängt daher am seidenen Faden. Hinter ihnen hingegen liegen mit dem Blute hunderter Millionen Menschen getränkte Jahrhunderte der globalen Zerstörung und Ausbeutung, der zwischenmenschlichen Unterdrückung und Verachtung. Weder Vergangenheit, noch Gegenwart oder Zukunft strahlen auch nur einen Hauch rosigen Lichtes ab. Doch die Spezies Mensch hat sich schon immer als überaus zäh und stark herausgestellt, gemeinsam könnte sie kommende Hürden meistern, die richtigen Schlüsse aus den Fehlern der Vergangenheit ziehen und damit einen neuen, vereint gestemmten Start in eine hoffentlich bessere Zukunft wagen. Wir lesen uns wieder im fernen Jahre 2483 🙂

Foto: The City out my Window von Adimono.

2 Kommentare

  1. Tobi
    Formulierte

    Wow, ziemlich dufte Geschichte.
    Gefällt mir sehr gut 🙂
    Nur diese vielen Fremdwörter bringen ein manchmal echt ins Grübeln…

    Gruß Tobi

    • Krony
      Sabbelte

      Aloha Tobi,

      danke für die Blumen 🙂 Alle in diesem kleinen Textchen enthaltenen Fakten lassen sich übrigens unter anderem auf Wikipedia überprüfen. Dort dann allerdings mit anderen, eventuell ebenso fiesen Fremdwörtern. Aber das gehört zum Deutschen dazu 😉

      Grüße, Krony

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